Chester Bennington – Ein Nachruf

Das erste Mal, als ich mit Linkin Park in Berührung kam, schrieb man das Jahr 2003. Da veröffentlichte die Band, mit dem recht asozial aussehenden Sänger, den Song „Numb“. Blondiert und voller Tattoos, irgendwie „russisch“, aber geil. Insbesondere die Stimme von Chester Bennington faszinierte mich.

Der Song „Numb“ ging unter die Haut und knallte mich sofort weg. Obwohl der Track in Deutschland lediglich die Top 20 knackte, kann man dies sehr wohl als internationalen Durchbruch der Band ansehen. Zu finden war der Song auf dem Album „Meteora“, welches ich mir gleich zulegte. Damals kaufte man ja noch CDs. 😉

Neue Helden im Bereich Nu Metal waren geboren.  Ein Jahr später erfolgte die Veröffentlichung von „Numb/Encore“, welche in Zusammenarbeit mit Jay-Z entstand. Dieser Song konnte (weltweit) eine höhere Chartplatzierung verbuchen.

Von da an begleiteten mich die Songs der Band. Der Longplayer „Minutes to Midnight“ punktete mit Hits wie „Leave out all the rest“, „Shadow of the day“, „Now more sorrow“ oder auch „Bleed it out“. Letzterer etablierte sich als Abschiedssong auf den zahlreichen Konzerten der Band. Und wenn ich schon von Live-Konzerten berichte, dann bleibt wohl ein Album unvergessen: „Road to Revolution: Live at Milton Keynes“.

Ein Live-Album, welches noch immer bei mir rauf und runter läuft. Dieses Kult-Album wird sicherlich in die Geschichte eingehen. Auch die anhängige DVD ist ein Genuss.

Obwohl mich persönlich das Nachfolgealbum „A thousand suns“ nicht besonders angesprochen hat, waren die Lieder „Waiting for the end“ und „The Catalyst“ internationale Hits, die mich ebenso begeisterten. (Die stehen selbstverständlich auch auf meiner LP Playlist). 2012 beglückte mich die Band mit „Burn it down“, veröffentlicht auf „Living Things„. (PS: Für diesen Longplayer gab es von uns einen Kaufbefehl!)  Der Song „Burn it down“ war zudem in diesem Jahr mein ständiger Begleiter zur Fußball EM in Polen und der Ukraine.

Ganze zwei Jahre später durfte ich mich glücklich schätzen und einem Konzert in der Lanxess Arena zu Köln beiwohnen. Dabei hatte ich noch Angst, nicht zur Konzertstätte zu kommen, da die Deutsche Bahn streikte. All‘ den Widrigkeiten zum Trotz, dachte ich mir: „Fuck you, Deutsche Bahn. Ich komme schon irgendwie nach Köln. Selbst wenn ich laufe.“ Und das Konzerte knallte mich sowas von weg.

Im Mai diesen Jahres veröffentlichten Linkin Park die Scheibe „One more light„. Obwohl viele Kritiker diesen Longplayer abgewatscht haben und massiv negativ beurteilten, gab ich 10 Sterne für den Lonplayer.

Zitat: „Besonders überraschend auf diesem Album ist „Sharp Edges“. Hier zeigt die Band eine Seite, die ich noch gar nicht kannte. Man hat sich hier auf schicke Folkmusik eingelassen. Ein solches Album würde noch in der Sammlung fehlen.“

Nicht nur, dass ich mir ein Folk-Album hätte vorstellen können, (die Band erfindet sich ja schließlich jedes Mal neu), ich wäre auf jeden Fall bei der nächsten Tour anwesend gewesen. Zumindest dachte ich das.

BIS GESTERN! 

Ich saß in meinem Bett, als mich die Nachricht von dem (zu dem Zeitpunkt noch mutmaßlichem) Tod von Chester Bennington erreichte. Ein guter Freund hatte mir die Nachricht via Messenger zukommen lassen. „Schon wieder“, dachte ich. Schließlich bin ich auch mit der Todesnachricht von Michael Jackson aufgewacht. Sofort öffnete ich einen Browser und es lief bereits über den Ticker. Zwar gab es keine offizielle Bestätigung, doch als ich den Tweet von Mike Shinoda las, war mir klar, dass es sich nicht um einen lächerlichen Scherz handelte.

Zitat: „Shocked and heartbroken, but it’s true.“

Mit tausend Fragezeichen im Kopf, recherchierte ich weiter und konnte erfahren, dass sich Chester Brennington wohl das Leben genommen hat. Er hatte sich erhängt. Ebenso wie Chris Cornell (Soundgarden) wenige Monate zuvor, Ian Curtis (Joy Division), oder Michael Hutchence (INXS).

Die Fragezeichen werde jedoch nicht nur ich im Kopf haben, sondern auch Millionen von Fans und erst Recht seine Familie. Denn, das ist das, was u.a. übrig bleibt. WARUM? (Diese Frage schwebt wie ein Geist in den Köpfen der Hinterbliebenen). Zwar lassen sich Erklärungen finden, wie z.B. dass Chester Drogen- und Alkoholprobleme hatte oder auch dass er den sexuellen Missbrauch in seiner Kindheit und Jugendzeit nicht verkraftet hat. Auch in zahlreichen Interviews hatte er über Selbstmordgedanken gesprochen. Was ihn letztendlich wirklich dazu bewogen hat, den Schritt zu gehen bzw. die Grenze zu überschreiten und seinem Leben ein Ende zu bereiten, wird wohl immer offen bleiben. Ein Umstand, mit dem die Hinterbliebenen wahrscheinlich ein Leben lang hadern werden. Bei so manchem unter Euch kann dies alte Wunden aufreißen oder dazu veranlassen, selbst über sein Leben nachzudenken. Sicherlich werden einige denken, dass Selbstmord feige und egoistisch ist, und/oder auch dass der Sänger sich hätte helfen lassen können. Doch all diese Gedanken werden die Tatsache nicht ändern, dass ein wunderbarer und einzigartiger Sänger nicht mehr unter uns weilt. Auch ich bin noch immer geschockt.

Aus diesem Grund möchte ich noch einmal auf das aktuelle Album „One more light“ zurückkommen. Rückblickend überkommt mich das Gefühl, dass man den letzten Silberling als eine Art „Abschiedsbrief“ interpretieren könnte. Doch hinterher kann man immer viel schreiben.

Fakt ist, dass mich Linkin Park in den letzten Jahren maßgeblich beeinflusst hat und ich mit den Liedern der Band so manch‘ Party feiern konnte. Ich habe gelacht, getanzt und auch geweint. Dafür möchte ich mich bedanken. Wie es mit Linkin Park weitergeht, wissen derzeitig wahrscheinlich noch nicht einmal die Bandmitglieder. Zu heftig wird wohl der Schmerz sein.

Jeder, der schon einmal einen Selbstmord im Bekannten- oder Familienkreis miterleben musste, wird das nachempfinden können. (Oder auch jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat.)

Chester Bennington: Du hast uns ein einzigartiges musikalisches Erbe hinterlassen. Ruhe in Frieden. Du bist unersetzlich! Mit Dir ist nicht nur ein Künstler meiner Vergangenheit gestorben, sondern auch meiner Gegenwart und Zukunft. Deiner Familie und Deinen Freunden wünsche ich in dieser schweren Zeit viel Kraft!

I will miss you. Thank you for your music. Good goodbye.

HINWEIS

Wenn Du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder Du jemanden kennst, der daran leidet, kannst Du Dir oder diese Person bei der Telefonseelsorge helfen lassen.

Du erreichst sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Tanja
Tanja
Dem schlechten Musikgeschmack der Mutter entronnen, den des Vaters angenommen und maßgeblich dadurch beeinflusst worden. Musikalische Kenntnisse auf Grund jahrzehntelangen Studiums der internationalen Top 100, die sie im Schlaf aufsagen konnte. Eher noch als die Quadratzahlen, wie ihr Mathelehrer von ihr forderte.

8 Comments

  1. Julia sagt:

    Ich bin noch immer ganz geschockt und kann es nicht fassen.

    Die Musik von Linkin Park hat mich in den letzten Jahren begleitet und mir oft über schwere Zeiten hinweg geholfen. Und nun soll alles vorbei sein?

    Ich kann es nicht glauben und verstehen kann ich es auch nicht. Auch bei mir stellt sich die Frage: WARUM?

    Wie Du geschrieben hast, wird man das wohl nie erfahren. Das weiß wohl nur Chester selbst. Einfach nur traurig!

  2. Annalein sagt:

    Krass geschrieben!

    Vielen Dank. Ich bin immer noch erschüttert. Ein so toller Sänger. Ich werde ihn vermissen. Ich denke, Linkin Park werden aufhören. Schade!

  3. Michael sagt:

    Ich kann das immer noch gar nicht fassen. Einfach nur Schade das so ein begnadeter Musiker scheinbar sehr krank war und sich das kostbarste was man besitzt genommen hat. — Sein Leben!

  4. Danny sagt:

    War total geschockt als ich von der Nachricht hörte und leider ist es traurige Gewissheit.

    R.I.P Chester ♡

  5. Mike Langen sagt:

    Ich kenne von Linkin Park vllt. eine Handvoll Songs. Ich habe die Gruppe nicht wirklich verfolgt, wenn ich etwas gehört habe, habe ich es gemocht. Eben nicht der übliche mainstream Scheiß ala Bieber und den unsäglichen, massenhaften USA Import Tussis (kann man nicht ernsthafte Musik nennen).
    Spannenderweise bin ich wenig überrascht, nicht speziell von LP. Viele echte Musiker, Künstler sind offensichtlich recht labil.
    Machen Musik um zu verarbeiten und wenn dann noch etwas nicht mehr passt dann , dann zeigen sie ihre Ehrlichkeit und ziehen es durch, egal wie hoch der Ruhm und wie groß das Bankkonto ist.
    Hut ab vor diesen Leuten. Mag ehrliche Leute.
    Damals mit Ian Curtis und heute.
    Gefallen tut es mir nicht!
    Die Musiklandschaft braucht echte, gute Musikanten und nicht einen Dreck ala Bohlen und „Superstars“.
    OK. Sein Wille!
    Deutlich mehr berührt hat mich der Tod von z.B., Bowie!, Freddy,Lennon, Prince… die wollten es noch nicht.
    Schade um die Musik, sicher ein Verlust. Weinen werd ich aber nicht.
    Mike

  6. Kommentar zum Nachruf von Chester Bennington

    Sehr gut geschrieben, Tanja. Sehr gute Bilder. Persönlich kenne ich den Musiker nicht. Deshalb habe ich mir zunächst auf Youtube ein Video angeschaut. Und mich bei Google informiert. Viele Künstler sehen in der Musik die Verarbeitung des Erlebten. Um darüber hinwegzukommen. Und als Berufung an. Bei Bennington war das so. Drogen haben Ihn immer wieder gepackt. Seine Musik liegt nach meinem ersten Hineinhören bei Youtube bei den 80-igern und Hardrock.
    Nach dem Nachruf auf Albumcheck sehe ich, sein neuestes Album liegt im Bereich Pop und Rap. Gefühle finden in seinem Album Platz. Beim Nachruf auf Albumcheck klingt es nach zeitgemäßer, rockiger Popmusik, unterlegt mit viel elektrischer Technik und Rap. Familiäre Probleme haben seine Situation nicht leicht gemacht, er hatte zeitweise mit Drogen aufgehört. Der Körper ist eben nur ein Mensch, alles was wir essen und trinken, wie wir mit unserem Körper umgehen, darauf geht unser Körper ein. Deshalb sind zeitweise Pausen oder kurze Pausen so wichtig. Der Körper rappelt sich mehr oder weniger auf damit. Musik kann das Wohlbefinden sehr stark beeinflussen. Bennington hat seine Musik Spaß gemacht. Es gab wohl andere Probleme, warum er vermutlich Selbstmord begangen hat. Bei Roy Black konnten das seine Fans auch nicht verstehen.

  7. Jonas Kfz sagt:

    Ich bin immernoch geschockt darüber.. es ist schrecklich dass selbst ein Mensch, bei welchem man davon ausgehen kann dass er sämtliche finanzielle Optionen offen hat, keine Hilfe finden kann.

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