Interviewcheck | Hammercult und die Sintflut von Wacken

Wacken, 3. August  2012. Ich bin verabredet mit Yakir Shochat, dem Frontmann der derzeit wohl erfolgreichsten israelischen Metal-Formation.

Das Album Anthems of the Damned der Band Hammercult hatten wir hier vor einiger Zeit besprochen. Nun steht er vor mir, nicht größer als ich, was schon bemerkenswert ist, und grinst fröhlich. Wir pläuscheln kurz und wollen uns dann ein gemütliches Eckchen fürs Interview suchen. Genau dieser Moment ist der Moment des Anfangs vom Schlammbad, und wir flüchten schnellstmöglich ins nächste Zelt. Ein Piercing-Verkäufer. Die Bude ist voll, die Bedingungen schlecht, und wir haben Spaß.

Albumcheck: Als ich zum ersten Mal euren Bandnamen „Hammercult“ las, assoziierte ich zunächst „Hammerfall“ und damit Power Metal. Passiert das öfter?

Yakir: Eher nicht. Nur für ein paar Leute vielleicht ein Problem.

Albumcheck: Erzähl mir was über Euren Namen: Warum „Hammercult“- Was bedeutet das?
Yakir: Warum? Hm. Der Name spricht für sich selbst. Es ist Tod durch Metal(l). Ich meine, wie heftig ist das? Was ist ein Hammer? Eine stumpfe, direkte Kraft! Darüber reden wir hier: Die Musik ist eine direkte Kraft, sie preist die stumpfe, direkte Scheiß-Kraft! Klingt übel, nicht? (lacht)

Albumcheck: Die meisten der etwas härteren, schnelleren Metal-Bands gönnen sich am Anfang eines Albums ein eher softes Intro. Ihr hingegen macht stattdessen eine Art musikalisches Maschinengewehrfeuer.
Yakir: Wir haben uns entschieden, kein Intro zu machen, weil wir sofort attackieren wollten. Wir wollen Euch alle überrumpeln. Erst ein Intro und dann den ersten Song? Nö! Wir treten Euch in den Arsch vom Anfang bis zum bitteren Ende, bis wir fertig sind- oder Ihr!

Albumcheck: Es wirkt! Ich muss zugeben, zuerst habe ich mich ein wenig erschreckt, weil ich das übliche Intro erwartet hatte.
Ihr habt ein paar israelische Volkslieder wie „Shalom alechem“ verwurstet. Gab dies Probleme?

Yakir: Nein, eigentlich ist das ein Tribut an Accept. Ursprünglich wollten wir „Fast as a Shark“ covern. In der Originalversion hatten die ein Volkslied darin, (singt) Heidi-heido-heida… Wir beschlossen, unsere eigene Version zu machen und dort das Accept-Tribut zu implementieren. Ich denke, wenn die Jungs von Accept hier wären und das hören, sie würden es lieben.

Albumcheck: Die meisten Deutschen denken bei israelischer Musik zuerst an Ofra Haza und Daliah Lavi und nicht an israelische Metalbands obwohl es doch so einige gibt. Was kannst Du über die israelische Metal-Szene erzählen?
Yakir: Da reden wir über eine recht kleine Szene, und bisher hatte noch keine Band so wirklich den großen Durchbruch. So liegt auf der Hand, dass Hammercult der erfolgreichste Extreme-Metal-Act ist. Was in relativ kurzer Zeit passierte. Da die Szene sehr klein ist gibt es auch wenige Gebiete zum Touren. Zurückblickend haben wir bislang etwa 70 Gigs gespielt- davon 50 außerhalb von Israel. Das bedeutet, dass man eben anderswo sich umsehen muss.

Albumcheck: Der Albumtitel „Anthems of the Damned“ klingt ein wenig unheilig im heiligen Land.
Yakir: Wie heilig ist das heilige Land? Kein bisschen! Menschen sind Menschen, und weißt Du, es ist egal. Ich bin nicht religiös, ich habe kein Problem mit religiösen Menschen. Wir beißen uns nicht, wir kloppen uns nicht… Ich bin überzeugt, Fortschritt kann es nur geben, wenn der eine den anderen toleriert.
Der Grund für den Titel „Anthems of the Damned“ ist, dass jeder Song auf diesem Album eine Hymne (engl. Anthem) ist. Und was ist eine Hymne? Eine Hymne ist ein kraftvolles Lied. Nicht einfach ein Lied, sondern eine verdammte HYMNE. Etwas, was zu Dir gehört. Und wer sind die Verdammten? Wir! Wir sind die Verdammten! Und darum haben wir beschlossen, das zu machen! Ein kraftvolles, straffes, energiegeladenes Album zu erschaffen, das nicht abgelehnt werden kann.

Albumcheck: „Wir sind die Verdammten“ klingt etwas deprimiert…
Yakir: Jaaa, das hängt vom Blickwinkel ab. Das kann auch machtvoll klingen. Das liegt im Auge des Betrachters.

Albumcheck: Hammercult gibt es seit Dezember 2010. Wie habt Ihr zusammengefunden?
Yakir: Wir haben sechs Jahre davon gesprochen, eine Band zu gründen. Wir haben immer darüber gesprochen, aber Zeit und Ort waren noch nicht passend, bis wir uns Ende 2010 sagten: „Scheiß drauf, tun wir’s einfach!“ Und weißt Du was? Neun Monate später waren wir in Wacken! Als Gewinner der Metal Battle.

Albumcheck: Das ist beeindruckend!
Yakir: Beeindruckend, in der Tat! Dann tourten wir mit den Dirty Rotten Imbeciles, im November 2011. Vor zwei Monaten waren wir mit Sepultura in ganz Europa unterwegs,waren auf dem Vainstream-Festival in Münster mit Hatebreed, und nun waren wir wieder in Wacken. Das ist eine großartige Erfahrung! Wir haben einfach gesagt: „Machen wir’s!“

Albumcheck: Ich hoffe, Ihr bleibt auf der Erfolgsspur! Ihr macht wirklich tolle Musik! Wir habt Ihr Euren Stil gefunden? Diesen sehr harten, rauhen und kräftigen Sound?
Yakir: Im Grunde, meine ich, wenn Du Metal machst, muss es echt sein. Kein Bockmist! Andererseits, es gibt diese Richtlienien, wie Wahrer Metal (true metal, d.Red.) zu sein hat. Die haben wir aus dem Fenster geschmissen. Wir sagten uns, lasst uns echten Metal machen, der in die Knochen fährt, aber anders ist. Der Stil soll Thrash Metal sein, aber wir integrieren diesen modernen Sound, er ist verdammt schnell. Death Metal ebenso, auch in den Vocals. Ein paar Black Metal Grinds auch. Das ganze Zeug ist dadurch einfach einzigartig! Das war unser Ziel: „Lasst uns Echten Metal machen, der einzigartig klingt und nach 2012!“ Viele haben es versucht, viele sind gescheitert. Sie wollten etwas anderes machen, und heraus kam totaler Mist. Wie beispielsweise Crossover.

Albumcheck: Wenn also jemand von True Metal sprichst, meinst Du, das ist kein wahrer Metal, weil es unfrei ist?
Yakir: Ich glaube, gewisse Stars haben so ihre Vorstellungen, wie Metal sein und wie Metal bleiben sollte.
Albumcheck: Also laut!
Yakir: Genau! (lacht) Wenn Du Rock’n’Roll spielst, dann spiele ihn mit Hingabe.
Albumcheck: Yeah! Schmerzen!
Yakir: So ist es! Es muss laut sein! Laut und heftig!
Albumcheck: Wie verkauft sich denn „Anthems of the Damned“?
Yakir: Wissen wir noch nicht, wir bekommen die Abrechnung alle sechs Monate, die sind noch nicht vorbei. Allerdings geht es in den Netzwerken ziemlich ab, wir bekommen gute Reviews, auch im Metal Hammer und in Rock Hard, auch in schrägeren Magazinen. Die waren alle ziemlich beeindruckt. Ich glaube, den Verkaufszahlen kann man nicht mehr so recht trauen, die Industrie geht den Bach runter, wie jeder weiß.
Was mich betrifft: Mir macht es nichts aus, und das möchte ich ganz klar zu Protokoll geben, mir macht es nichts aus, wenn Ihr Euch das Album einfach irgendwo herunterladet, mir macht es nichts aus, wenn Ihr es stehlt! Mir egal! Solange Ihr es hört und die Band unterstützt, geht das für mich in Ordnung. Die Zeit der Rockstars ist vorbei! Heute verkauft kaum einer mehr was, und weißt Du was? Vielleicht sollte das auch so sein! Die, die unterstützen wollen, die kaufen, die, die die Band mögen, aber das Album nicht kaufen wollen, OK, man kann eine Band auch auf andere Art unterstützen.

Albumcheck: Das Gegenteil von Metallica? (lacht)
Yakir: Das Gegenteil von Metallica! (lacht ebenfalls) Auch wenns mich nicht stören würde, in deren Schuhen zu stecken. Das ist eine ganz andere Geschichte! Da fange ich jetzt nicht mit an.

Albumcheck: Reichtr die Kohle schon, um davon zu leben, oder müsst Ihr noch was „normales“ arbeiten?
Yakir: Nein, ich arbeite noch tagsüber. Das Geschäft hat sich verändert. Wir haben es mit Leuten zu tun in Anzug oder Blaumann, die im Geschäft sind. Wofür arbeiten die Leute? Für das Herz, für die Musik, für die Fans, für die Energie. Tourneen laufen anders. Wir waren vor zwei Monaten mit Sepultura unterwegs. Im Bulli! So ist das, mann, keine Rockstars mehr. Die Situation ist anders heute. Und weißt Du was? Wenn Du nicht die Eier dafür hast, dann verpiss Dich besser, Du gehörst nicht dazu. Geld zählt nicht. Ich habe einen Job als Manager in einer größeren Firma, und ich mache ihn gerne. Und ich habe auch meine Band, die sehr erfolgreich ist, darüber bin ich auch sehr glücklich. So muss es sein!

Albumcheck: Hattet Ihr viel Spaß unterwegs mit Sepultura?
Yakir: Ja, das war eine großartige Tournee! Gestartet sind wir in Griechenland, dann durch Tschechien, Deutschland, Niederlande -das war großartig!-, ein paar von den Irren haben wir hier wieder getroffen.

Albumcheck: Ich denke, Eure Mucke passt auch zu der von Sepultura.
Yakir: Ja, es passt! Und die Jungs auf der Bühne, das sind Tiere! Die gurken schon ein Vierteljahrhundert umher, und heute klingen sie immer noch wunderbar. Und der neue Drummer, den sie haben- Wahnsinn! Hoffentlich können wir das nochmal machen! Im November sind wir wieder unterwegs, wer weiß…

Albumcheck: Habt Ihr dann eigentlich das Gefühl, für die Fans nur die Vorgruppe von Sepultura zu sein oder als Hammercult wahrgenommen zu werden?
Yakir: Also, ohne Scheiß: natürlich sind wir noch auf Support-Act-Level. Du musst natürlich erst Deinen Tribut zahlen, ehe Du Headliner werden kannst. Weißt Du, wir genießen das sogar. Wir haben diesen Job, wir machen diesen Job, und wir machen ihn gut. Die Headliner mögen es ebenfalls. Das ist ein Gewinn für alle! Außerdem sind wir durchaus schon als Headliner aufgetreten. In Freiburg zum Beispiel, aber auch anderswo, München…

Albumcheck: Als Support Act spiehlt Ihr dann auch vor vielen Leuten, die Euch dann kennenlernen.
Yakir: Genau. Du kannst vor mehr Leuten spielen. Da haben alle was von, das ist sogar besser.

Albumcheck: Ist das jetzt das Ende Eurer Europatournee oder habt Ihr noch was vor? Was machst Du als erstes, wenn Du nach Hause kommst?
Yakir: Wir arbeiten bereits am nächsten Album, das 2013 erscheinen wird. Im November gehen wir wieder auf Tournee. Keine Atempause!

Albumcheck: Und nun ein paar letzte Worte für unsere Leser und Eure Fans?
Yakir: Erstmal, Deutschland ist ein wunderbarer Ort zum hinkommen, der beste zum Auftreten, wir lieben die deutschen Fans. Weil, weißt Du, eigentlich will ich sie nicht Fans nennen, denn eigentlich sind sie Unterstützer! Heavy-Metal-Krieger! Deutschland ist der allerbeste Ort zum auftreten! Ich Danke Euch allen!

Ulf
Ulf
Geboren. Größer, aber nicht wirklich groß und älter, aber nicht erwachsener geworden. Klassische Gitarre gelernt. In Bands gespielt wie "Scheißhausterror". Metalhead. Spezialist für Musik der englischen Renaissance und älter.

2 Comments

  1. […] man einen Stapel von 50 Alben hat, die bearbeitet werden müssen. Interviews werden dann schonmal in einer schlaflosen Nacht im Schlafwagen nach Zürich zwischen zwei und drei Uhr nachts […]

  2. trabino sagt:

    Oha… ich war auch 2012 dabei. War mein erstes aber nicht letztes Wacken. Wenn es mal wieder passt geh ich wieder 😀
    Hammercult habe ich aber verpasst 🙁

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