Interviewcheck | Priscilla Sucks! vor Mitternacht

Osnabrück, hinterm Big Buttinsky, unter dem freien Himmel einer vorgezogenen Sommernacht Ende April. Bald ist Mitternacht. Priscilla Sucks! haben ihre Geräte abgebaut und eingepackt und stehen mit mir auf einem Parkplatz. Ihr Feierabendbierchen und eine Kippe genießend sind sie in bester Stimmung für ein Interview.

Ein furioser Auftritt der Berliner Band liegt hinter uns, eine Zugfahrt (hoffentlich, wenn ich den letzten Zug noch erwische!) vor mir und vor Priscilla Sucks! tatsächlich noch sowas wie feiern. Dazwischen hätte Ulf Hundeiker allerdings noch ein paar Fragen… Und schnappt sich einen Großteil der Combo unter freiem Himmeszelt…

Albumcheck: Wen oder was saugt Priscilla eigentlich so und warum?

Sascha: An unserer Seele!
Katja: Genau! An unserer Seele, an unseren Fingern, an unseren Instrumenten, an unseren Fans…
Sascha: Wir kämpfen jeden Tag, damit sie uns nicht aussaugt, die gemeine Priscilla.
Tarek: Aber wir mögen das auch.
Sascha: Wir stehen drauf!

Albumcheck: Ihr macht ja nicht dieses Heititei-Trallala, sondern greift da etwas tiefer in die Kiste, z.B. mit Drogen in „Addicted“. Habt Ihr einen besonderen Bezug zu den Themen, die Ihr aufgreift, oder ist das mehr Zufall, was sich so ergibt?

Katja: Zufall. Beziehungsweise auch Sachen, die wir vielleicht nicht selbst erlebt, aber gehört haben…
Sascha: Es geht vor allem auch um Leute in unserem Umkreis. Es hat schon Realitätsbezug! Aber das „Heititei“ steht zwischen den Zeilen. Wir verarbeiten das.

Albumcheck: In irgendeiner Review las ich über Euren drogenbezogenen Song „Addicted“ etwas von „Gutmenschentum“…

Sascha: Das hat mich ein bisschen genervt. Die Review hat die Tiefe des Songs nicht erfasst. Es geht darin nicht um ein Gutmenschentum, das Drogen irgendwie verpönt, sondern vielmehr um eine zwischenmenschliche Beziehung, in der jemand abdriftet. Das ist eine ganz andere Liga! Wenn Du einen Menschen, der Dir lieb ist, abgleiten siehst, wenn Du merkst, der ist auf einmal jemand anders, er verändert sich immer weiter, das hat einen bestimmten Grund. Und das ist eigentlich der Konflikt, das Spannungsfeld in dem Song. Das probieren wir eher zu erklären.
Katja: Man möchte ja auch nicht, dass derjenige abdriftet…
Sascha: Das ist halt schwierig, Du kannst ja niemandem vorschreiben, was er tun soll, aber trotzdem kannst Du ihm sagen, ich seh Dich gerade an, und das ist einfach nur krass, was hier läuft…

Albumcheck: Kommen derartige Missverständnisse häufiger vor?

Tarek: Nö, so schlimm ist das eigentlich nicht…
Katja: Wir lassen Raum für eigene Interpretation, genau wie mit dem Titel „Stereotype Me“. Alle fragen uns immer: „Was macht Ihr für Musik?“ und alle brauchen immer eine Schublade, in die man uns einordnen kann. Aber es gibt nicht die eine Schublade für uns. Vielleicht die Rock-Schublade ganz oben…

Albumcheck: „Jedno Serco“ ist zur Hälfte auf Polnisch. Hat das einen bestimmten Grund, außer das Eva Polin ist? So ein Heimweh-Ding?

Katja: Nee. Es geht eher darum, Eva hat mal die Situation erlebt, dass man in ihrer Umgebung auf Polnisch sprach und dachte, sie verstünde das nicht… Peinliche Situation 😀
Sascha: Steckt auch so’n bisschen die Zweistaatlichkeit hinter, dass Menschen, die in zwei Staaten großgeworden sind, in einem Staat immer, also, Eva wird in Deutschland immer als Polin bezeichnet und in Polen als Deutsche. Da hängt man so dazwischen. Viele Migranten, vor allem bei den Türken ist das genauso. Das ist so ein Spannungsfeld, in dem man sich irgendwie zurechtfinden muss, das man irgendwie in sich vereinen muss.
Polnisch steht letztendlich für jede x-beliebige Sprache, Kurdisch, Serbokroatisch….

Tarek: Multikulturelle Interaktion!

Albumcheck: Aber Deutsch dazwischenzupacken….

Sascha: Vielleicht, wenn wir zum Bundesvision Song Contest wollen. Aber dat wollen wir nicht. Ich weiß nicht…

Albumcheck: So tief wollt Ihr nicht sinken…

Sascha: Ich finde es schade, dass gerade in Deutschland, oder… andersherum… sagen wir mal zum Beispiel eine skandinavische Band. Die Skandinavier singen durchweg Englisch, das ist international. Und wen willst Du ansprechen? Was willst Du tun? Uns fällt es leichter, englische Texte zu schreiben. Hut ab vor Leuten, die einen deutschen Text schreiben, der leicht daherkommt, der gut gesungen daherkommt, der aber Tiefe, hat. Dann aber auch nicht zu tief, dass man denkt: „Oh Gott, was ist das wieder für ein Kitsch!“
Wir sind da international aufgestellt, wir möchten auch nicht verkrampft etwas auf Deutsch singen müssen.

Katja: Wir fühlen uns einfach mit Englisch wohl.

Albumcheck: Polnisch ist also praktisch Zufall gewesen?

Sascha: Polnisch klingt auch schön!
Katja: Es klingt schön, und wir dachten, wenn schon jemand fließend Polnisch spricht, dann kann man das auch mal ausführen! Das war die Idee eines Produzenten bei den Albumaufnahmen. Der sagte: Ey, Wenn Ihr schon jemanden habt, der Polnisch spricht, warum macht Ihr dann nicht mal einen polnischen Song?“ Wir hatten ja auch dieses Thema und diese Story, und haben uns gedacht, machen wir das doch, halb Englisch, halb Polnisch, why not?

Albumcheck: Was habt Ihr musikalisch vor „Priscilla Sucks!“ getrieben, bevor Ihr zusammengefunden habt?

Priscilla Sucks! - Tarek - Katja - Sascha

Tarek (Drums), Katja (Gitarre), Sascha (Bass)

Sascha: Wow, viel! Es ging los bei mir in einer Death-Metal-Band in Berlin. Es kam dann irgendwie ganz schnell eine Electro-Welle Anfang der Neunziger, da bin ich sozusagen gegangen worden, weil ich mich nie in Stilen festlegen wollte. Und gerade wenn man so festgefahrene Stile hat und sehr jung ist, dann probieren die Leute immer zu sagen, das darfst Du, das darfst Du nicht, das ist Mosh, das ist nicht Mosh, das ist TRUE, das ist nicht TRUE, das ist- Hastenichgesehen. Ich habe zwischendurch auch mit Electro-DJs Musik gemacht. Irgendwann kam es dazu, dass wir eine Rockband gegründet haben. Die ist auch schon wieder passé, dann hatte Katja wieder eine andere Rockband, bei der ich nicht dabei war. Dann hat sie aber irgendwann gesagt zu mir: „Sascha, komm, wir beide wieder zusammen auf der Bühne!“ und das war ausschlaggebend.
Katja: Obwohl, ich hab auch schon mit meinem Bruder Musik gemacht, das war Rock im weitesten Sinne. Bin dann in Berlin abgedriftet in eine Frauen-Punkband, aber nur kurz. Das waren zu viele Frauen auf einem Haufen, und dann…
Dann hatte ich auch wieder den Wunsch, mit Sascha zusammen Mucke zu machen, und wir haben darauf „Priscilla Sucks!“ gegründet 2008.

Albumcheck: Das war auch das erfolgreichste bislang?

Katja: Genau.

Albumcheck: Wie hoch wollt Ihr hinaus? Erstmal davon leben können?

Katja: Erstmal Weltherrschaft!
Sascha: Erst Berlin, dann Deutschland und dann die ganze Welt! Wie immer!
Katja: So wie’s kommt! Wir sind jetzt auch nicht so, dass wir sagen würden, wir müssen in einem Jahr da und da sein. Aber wir haben natürlich Bock, dass es auch mehr wird, dass wir davon leben können, dass wir die Jobs kürzen können. Wir sind zur Zeit auf dem schwierigen Level, dass alle von uns Jobs haben, die Band ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt, man beides gut machen möchte und einfach ganz schön fertig ist zwischendurch.
Sascha: Es läuft immer auf eine Siebzig-Stunden-Woche hinaus!
Katja: Aber natürlich ist es schon geil, wenn man nur noch Mucke machen kann! Das wäre schon super.
Sascha: Wichtig ist, dass der Spaß erhalten bleibt! Spaß ist die Motivation und ist der Motor!

Albumcheck: Das kommt letztendlich noch vor dem Inhalt?

Alle: Ja!
Katja: Aus Spaß entwickelt sich ja alles weitere. Wir spasten im Proberaum ab, wir können genauso konzentriert arbeiten, wir können aber auch einfach irgendwie jammen….

Albumcheck: Wie schreibt Ihr denn so ein Stück? Beim Jammen im Proberaum oder jeder für sich?

Tarek: Das ist total unterschiedlich. Manchmal kommt jemand mit einer Idee, und dann feilen wir alle dran rum, bis es irgendwann total scheiße ist- oder irgendwann total geil. Oder es ist wirklich so, dass wir alle vier zusammen im Proberaum sind und aufeinandertreffen und ausarbeiten-
Katja: Manchmal braucht ein Song zwei Proben, und er ist fertig, weil er geil ist, manchmal braucht ein Song auch ein Jahr, weil man sich noch nicht richtig sicher ist, kann man den denn schon nach außen tragen oder geht da noch was? Es gibt auch Songs, die wir angefangen haben, wieder wegpacken, weil wir sagen, nee, der is jetz gerade nich, der bleibt noch in der Schublade, der braucht halt noch ein bisschen.

Albumcheck: Der muss dann gären wie Sauerteig.

Sascha: Genau!
Katja: Gut Ding will Weile haben! Mittlerweile rollen wir das ganze auch schon mal anders auf, dass Eva mit einer Melodie um die Ecke kommt und sagt, ich hab da eine Textidee dazu, macht Ihr jetzt die Mucke dazu. Klassisch ist es eigentlich anders herum: „Wir haben die Mucke, sing mal was!“ – Sowohl zusammen als auch alleine, wir sind da echt (theatralisch) demokratisch!

Albumcheck: Ihr seid von der Ausüstung eigentlich eher sparsam- kein Schlagzeug, für das man einen eigenen Monstertruck braucht, übersichtliche Ausüstung mit Effektgeräten…

Tarek: Also, ’ne Double Bass für unserer Musik…
Katja: Und Keyboards oder Background-Chöre brauchen wir auch keine…
Sascha: Es ist auch eigentliel spannender, etwas aus seinem Instrument herauszuholen, gefühlsmäßig, in der Dinami, in der Spielweise. Ich hatte auch mal diese Phase: hier ein Effektgerät, dort ein Spielzeug. Irgendwann kommst Du wieder zurück, dass Du sagst, ich brauche eigentlich nur einen Verzerrer und Stummschaltung für’s Stimmen.
Tarek: Weniger ist mehr!
Sascha: Das bringt’s auch im Sound nicht mehr. Das ist irgendwann einfach nur noch too much. Much too Matsch.

Albumcheck: Soundmäßig seid Ihr ja ziemlich giftig drauf. Die Gitarre jedenfalls sägt einem die Ohren durch! Das hat man eigentlich weniger häufig so schrill?

Katja: War vielleicht die Marshall-Box? Es soll schon ein bisschen rotzig sein, es soll ein bisschen dreckig sein, es soll aber auch nicht weh tun. Tut auch nicht weh, oder?

Priscilla Sucks! Albumcover: Stereotype Me

Cover von Stereotype Me

Albumcheck: „Stereotype“, zwischen den Welten, wie vorhin erwähnt: Das Plattencover bezieht sich auch noch darauf. Das habt Ihr selbst entworfen?

Katja: Das hat Äva gemacht. Eva ist schließlich Designerin.
Tarek: Die Idee haben wir natürlich zusammen geboren. Das soll das eben symbolisieren. Es passt zur schrillen Musik.
Sascha: Vor allem auch die Melange, diese Mixtur!
Katja: Was hast Du gedacht, als Du das Cover zum ersten Mal gesehen hast?

Albumcheck: Schrill! Will ich haben! 😀 Habt Ihr denn noch eine Botschaft für unsere LeserInnen? Kauft unsere Platten und macht uns reich!

Katja: Botschaft?
Sascha: Lasst Euch keinen Scheiß erzählen!
Tarek: Geht mit frischen Ohren ran! Immer!
Katja: Laßt Euch nicht in eine Schublade packen! Hört das, was Euch Spaß macht, geht auf unsere Homepage und guckt Euch an, wo wir als nächstes spielen, fahrt uns hinterher, stellt Euch in die Erste Reihe und MOSHT!

Wir danken Priscilla Sucks! für geile Musik und viel Spaß beim Interview, Gordeon Music für die Vermittlung und der Eisenbahn für ausnahmsweise Pünktlichkeit.

Ulf
Ulf
Geboren. Größer, aber nicht wirklich groß und älter, aber nicht erwachsener geworden. Klassische Gitarre gelernt. In Bands gespielt wie "Scheißhausterror". Metalhead. Spezialist für Musik der englischen Renaissance und älter.

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