NewsCheck | Monocular bingen im Sommer neues Album: Pine Trees

Träume sind nicht die Realität, natürlich nicht. Doch ohne Träume würde die Welt anders aussehen. Weil jeder Gedanke zu einer Handlung führen kann und jede neue Handlung eine neue Wirklichkeit erschafft. Kleine Schritte entfalten so mitunter eine große Wirkung. Oder, wie es Monocular ausdrücken: „Tiny is the new tall / Close your eyes and see it all“. Die meisten Stücke des zweiten Albums „Pine Trees“ entstanden in Süd-Schweden, in einem 20-Häuser-Dorf zwischen Lund und Ystad. Auch die „Wallander“-Krimis von Henning Mankell spielen in dieser ländlichen Gegend, wo das Licht kristallklar vom Himmel fällt und die Luft immer ein wenig nach Salz schmeckt. Sängerin Nic Koray und ihr Mann, der Gitarrist und Keyboarder Jan Koray, verbringen dort viele Monate im Jahr in ihrem Landhaus. Es ist ein Entkommen aus dem Grauschleier von Dortmund, wo die Ruinen des Industrie-Zeitalters müde vor sich hin bröckeln. Der Traum von einem besseren, freieren Leben kollidiert dort zwangsläufig mit der Realität. In der ländlichen Atmosphäre von Süd-Schweden dagegen schreibt das Paar Songs, deren Melodiebögen zwischen Electro-Einflüssen und potentiellen Pop-Hits pendeln. Wenn die Stücke zusammen mit Bassist David Senf und Schlagzeuger Sven Kosakowski arrangiert sind, entfalten sie allerdings auch eine überwältigende, rockende Pracht: Es ist ein Balancieren zwischen sehr leisen Passagen, wo jedes Detail zählt, und einem dramatischen, Gitarren getriebenen Wall of Sound. Kritiker nennen das Shoegaze und entdecken eine Nähe zu Bands wie Blonde Redhead. Doch das ist ein wenig ungerecht, denn Monocular sind einzigartig und klingen nur nach sich selbst. Ihr Debütalbum „Somewhere On The Line“ haben Nic und Jan 2009 noch als Duo eingespielt. Die Musik klang damals elektronischer und es gab viele Vergleiche mit Bands wie Portishead und Lamb. Das Musik-Magazin Zillo schrieb begeistert: „Somewhere On The Line“ ist das beste Debüt im erweiterten TripHop-Genre seit Goldfrapps legendärem „Felt Mountain“. „Pine Trees“ ist dem vor einigen Jahren verstorbenen Schriftsteller Yaman Koray gewidmet. Nic hat ihren Vater, der auf einem Segelboot in der Türkei lebte, vor seinem Tod oft besucht. Das Album beginnt deshalb mit dem Titelsong und den zärtlichen Zeilen: „How I wish to travel back in time / when you were still alive“. Doch die Trauer der Sängerin verwandelt sich in die Erkenntnis, dass alles was war für immer bleiben wird – in der Erinnerung. Eine große Sehnsucht und ein großer Verlust klingen hier an und trotzdem hat der Song etwas Tröstliches. „Es gibt nicht viele singende Frauen in Deutschland, deren Stimmen mich so killen wie Nic Korays. Und es gibt noch weit weniger, denen ich das seltene Talent zuspreche, Lieder zu formulieren, die so universell und zugleich aufs Intimste persönlich sind“ schwärmte der Singer-/Songwriter Tom Liwa vor einiger Zeit völlig zu recht. Doch es ist nicht nur diese außergewöhnliche Stimme, die Monocular besonders macht. Es sind auch Jans exquisite Kompositionen und das raffinierte Zusammenspiel der Band. „This is Real“ wird von einem komplexen Breakbeat getrieben, umtänzelt von einer zarten Akustik-Gitarre und unterkühlten elektronischen Sounds. Wie eine entspannte Tai-Chi-Wolke schwebt der Gesang über den nervösen Rhythmen. Hektik und Ruhe heben einander auf – die perfekte Balance. Das dazugehörige Video kombiniert Bilder von Naturkatastrophen mit einer surrealen Endzeitstimmung – wollen wir wirklich weiter warten, so lange, bis alles zu spät ist? Wie schon beim Debüt hat Jan auch diesmal wieder alle Songs geschrieben, die Texte stammen komplett von Nic Koray, die offensichtlich das Talent ihres Vaters geerbt hat. Produziert wurde das für eine Independent-Produktion herausragend gut klingende Werk in Jans 47 Recording Studio in Dortmund. Das Mastering besorgte Robert Hadley im Mastering Lab in Kalifornien. „Zoo Report“ ist wahrscheinlich das dunkelste Stück des Albums: „I can’t get out / You can’t get in“ heißt es gleich am Anfang zu schneidenden Gitarren und drängenden Bassläufen. „Es geht gewissermaßen um die Welt als Zoo“, sagt Nic Koray, „mit selbst errichteten Käfigen, in denen jeder Mensch isoliert sitzt. Bestehend aus gesellschaftlichen Zwängen, Feigheiten und Ängsten, die den Insassen die Freiheit rauben, dem eigenen Weg und der eigenen Persönlichkeit zu folgen und sie stattdessen zwingen, Beobachter und Beobachteter zu werden, in eben jenem bizarren Zoo. Natürlich spielt das Lied mit diesem Bild unterschwellig auch auf die Dinge an, die wir den Tieren und der Umwelt antun.“ Der finale Song ist das majestätische Instrumental „Home“, dessen Gitarrenwände fast schon an den Drone-Rock von Mogwai erinnern. Die Melancholie, die auf dem gesamten Album anklingt, bekommt hier noch einmal eine emphatische, fast schon kämpferische Note: Was wäre ein „Zuhause“, scheinen Monocular zu fragen, ohne die Freiheit es selbst zu gestalten und notfalls verlassen zu dürfen? Ein Gefängnis, oder ein Zoo. Zwischen Schweden und Dortmund ist dem Quartett mit „Pine Trees“ ein Album gelungen, wie man es nicht alle Tage hört: Sinnlich, kraftvoll und klug. Und wieder einmal ist ein Traum wahr geworden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.