Konzertcheck | Emotionen mit Silverstein, Zeche Bochum.

Shane Told

Alles voller Emos hier! Na gut, werden Silverstein schließlich auch als Emo-Core eingeordnet. Schon lange vor dem Einlass hat sich vor der Tür der Zeche ein gewaltiger Pulk junger Leute versammelt, um einen guten Platz zu erwischen, und manchmal, wenn einer der Security-Gorillas zum Rauchen rauskommt, versucht irgendein Mädel, hineinzuflitschen. Erfolglos.

Da Emo wohl vor allem bedeutet, die Emotionenrauszulassen (und nicht, seine Arme in andere Formen zu schnippeln), sollte es lustig werden heute abend. Recht früh schon bringt die Security den Pulk in eine schön ordentliche Schlangenform. Lange Schlange, ich bin heilfroh, dass mein Praktikant Till und ich dort nicht anstehen müssen. Immerhin haben wir noch einen Interviewtermin.

Schlange, lange vor Öffnung der Türen

Schlange, lange vor Öffnung der Türen

Die Zeche ist ziemlich voll, soweit ich das überblicken kann.  Mit, wie erwähnt, hohem Emo-Spiegel. Laufen sofort über, kaum dass die Vorgruppe namens We Are The Ocean das erste Geräusch erzeugt. Singen mit. Bemerkenswert, wie soll das dann erst werden, wenn der Top-Act Silverstein dran ist? Wobei die Ozeane natürlich selbst keine unbeschriebenen Blätter mehr sind. Sie geben alles, und ich frage mich, wie lange die das wohl durchhalten können? Allein Dan Brown, der Sänger, beschäftigt die Roadies, als sei der Auftritt ein Bootcamp: Kein Funkmikro, sondern eines mit Kabel, und dieses Kabel muss ihm immer hinterhergebracht werden, während er in ekstatische Publikum hüpft oder irgendwo in schwindelerregenden Höhen herumklettert oder mit besagtem Kabel das Mikrofon vom Tom-Tom abrupft. Eine exzellente Performance der gesamten Band, die niemals aufgesetzt wirkt, die das Publikum einbindet und auch demjenigen Spaß machen dürfte, der eigentlich für Hard-, Post-Hard- und Emo-Core wenig zu begeistern ist. Und, ungewöhnlich für die Vorgruppe: Der Sound ist prima abgemischt, statt wie sonst üblich wie eine Mülltonne. Silverstein wird sich anstrengen müssen!

Support Act: We Are The Ocean

Support Act: We Are The Ocean

Silverstein: Richard McWalter, Gitarre

Richard McWalter, Gitarre

Und Silverstein strengt sich an! Irgendwie erscheint die Band häppchenweise und macht noch ein wenig Soundcheck, bis irgendwann alle beisammen sind und es noch richtiger krachen lassen! Unvermittelt. Gnadenlos. Das Publikum tobt. Es konnte sich offenbar während des kurzen Umbaus tatsächlich ein wenig erholen. Natürlich stehen die Silbersteine ihrer Vorgruppe in nichts nach, unterhalten sich mit dem Publikum, springen ins Publikum, witzeln mit dem Publikum, und das Publikum dankt es ihnen mit Emo-Tionen.

Silverstein: Bill Hamilton, Bass

Bill Hamilton, Bass

Die wahre Stärke von Silverstein zeigt sich in der Tat in der leibhaftigen Darbietung ihrer Musik, die fast völlig anders ‚rüberkommt, mit unglaublichem Elan und Einsatz aller Bandmitglieder. Wobei scheinbar das Publikum, zumindest das weibliche, einen besonderen Narren gefressen hat an Bassist Bill. Seinen Namen höre ich oft, wenn etwas zu hören ist zwischen den einzelnen Titeln.

Das Konzert verläuft organisatorisch indes ohne ernsthafte Zwischenfälle, der neben uns stationierte Sanitäter versorgt einen angestoßenen Ellbogen mit Eis von der Theke und meint, richtig dramatisches passiere gerade nicht, trotz großer Hitze von außen und von innen aufgeheizter Körper. Der Moshpit macht ihm etwas Sorgen, doch passiert auch dort nichts weltbewegendes. Und offenbar keine Ausschreitungen.

Silverstein: Paul Koehler, Drums

Paul Koehler, Drums

Irgendwann kommt, was kommen muss: Der erste Crowdsurfer. Der zweite. Die Abstände werden immer kürzer zwischen den Einsammel-Einsätzen der Security, die in ruhigeren Augenblicken sich auch erinnert, wie sie selbst früher(tm) auf Händen nach vorne getragen wurden. Bei dem zu erwartenden Gewicht der schrankartigen muskulösen Hünen schwer vorzustellen.

Silverstein: Josh Bradford, Gitarre

Josh Bradford, Gitarre

Das zuhörende Volk indes ist mittlerweile vollkommen aus dem Häuschen. Bemerkenswerte Stimmung, so ausgelassen erlebe ich das selten! Zur Zugabe zeigen alle nochmals, was sie draufhaben. Und ziehen dann doch von dannen, mit der Bemerkung, wir wüssten doch, was gleich noch komme!

Silverstein: Shane Told, Vocals

Shane Told, Vocals

Au weia, ja. Samstags ist ab 22:00 Uhr Kinderdisco.

Doch, so viel Zeit muss sein, Shane lässt sich nicht nehmen, zumindest die für ihn erreichbare erste Reihe persönlich mit Handschlag zu verabschieden. Er wirkt erschöpft. Aber ehrlich glücklich.

Wir auch.

Ulf
Ulf
Geboren. Größer, aber nicht wirklich groß und älter, aber nicht erwachsener geworden. Klassische Gitarre gelernt. In Bands gespielt wie "Scheißhausterror". Metalhead. Spezialist für Musik der englischen Renaissance und älter.

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