Interviewcheck | Im Gespräch mit Josh Bradford von Silverstein

Wir stehen neben einer langen Schlange von Silverstein-Fans, die auf Einlass warten, bis wir dran sind mit unserem Interview. Trotz fernmündlicher Absprache mit dem Roadmanager von Silverstein schaffe ich es, zu früh zu kommen und beim Essen reinzuplatzen.

Alles ganz entspannt, kein Problem, und zudem hat Josh Bradford, Gitarrist, seinen Teller schon geleert und steht zur Verfügung. Er begrüßt uns fröhlich und freudig, als hätte er die ganze letzte Woche nur auf uns gewartet und ist überhaupt außerordentlich freundlich und unkompliziert. Ulf Hundeiker sprach mit ihm:

Albumcheck: Ihr seid nun seit Wochen nahezu nonstop auf Tournee durch Europa. Lebt Ihr noch und habt Ihr noch Energiereserven?

Josh: Spärlich! (lacht) Das ist jetzt ein Monat, es war phantastisch, die Shows waren unglaublich, das Reisen zwischen all diesen Städten macht viel Spaß, aber ich bin müde. Ich bin bereit für eine kleine Pause, wenn wir wieder daheim sind. Bis wir nach Hause kommen, stopfe ich mir die Ohren zu und versuche, meine Kräfte zu bewahren.

Albumcheck: Habt Ihr auch mal Urlaub?

Josh: Ja, nach der Tour haben wir erstmal einen Monat frei, das wird nett. Ordentlich ausschlafen, Wäsche waschen, und dann bin ich wieder fertig zum ausrücken! (lacht)

Albumcheck: Wie kommst Du damit klar, über Monate getrennt zu sein von Familie und Freunden?

Josh: Mit meinem I-Phone! (lacht) Ich hatte vorher ein Blackberry, das war nicht übel, aber hiermit geht es viel besser, mit Kamera und Video-Chat…

Albumcheck: Hast Du eine Kuss-App?

Josh: (lacht) Nein, habe ich nicht, aber wenn es eine gäbe, ich würde sie sofort ‚runterladen!

Albumcheck: Nun machst Du auf Tournee jeden Tag, jeden Abend Musik. Hörst Du unterwegs überhaupt noch welche?

Josh: Tatsächlich höre ich gar nicht so viel. Meistens höre ich Musik beim Autofahren, und das muss ich auf Tour nicht. Ich gucke eher TV-Shows wie „The Office“ meistens.

Albumcheck: Du kannst die dazwischen den Auftritten genießen?

Josh: Ja, schon irgendwie, sehr! Der Tag bringt mir genug Musik, ohne dass ich mir Kopfhörern aufsetze.

Albumcheck: (lacht) Du bist der erste, der mir sowas antwortet! Der Erste, der die Stille liebt!

Josh: Das tue ich! Ich mache das jetzt schon etwa dreizehn Jahre, ich genieße die Stille, ja! Wirklich!

Albumcheck: Bleibt unterwegs eigentlich noch Zeit für Kreativität? Songwriting und so?

Josh: Doch, ja. Ich spiele gerne ein wenig Gitarre unterwegs. Ich wechsel meine Saiten fast täglich, und so spiele ich herum, bis sie stimmstabil sind, und das ist für mich auch die beste Zeit für musikalische Ideen, die ich dann im Hinterkopf behalte. Ich mache eine Menge Videos und verbringe eine Menge Zeit damit, diese auf meinem Laptop zusammenzuschnippeln. Damit verbringe ich eine Menge Zeit. Macht Spaß! Die lade ich dann auf Youtube hoch und die Fans können uns auf der Tournee folgen.

Albumcheck: Und das ist dann die Grundlage für ein neues Album.

Josh: Ja, vielleicht? (Grinst) Du musst irgendwo anfangen. Darum sammeln wir die Ideen, die wir im Kopf haben, und wenn wir dann mal Zeit haben, jammen wir ein wenig, bringen die Sachen auf den Tisch.

Albumcheck: Schreibt Ihr die Stücke eigentlich alle zusammen oder jeder für sich?

Josh: Jeder Song ist da ein wenig anders. Manchmal kommt er sozusagen zu Dir und Du hast auf einmal das ganze Stück, und Du übst es und zeigst es dann den anderen, und manchmal ist es nur ein kleines Riff, das Du den anderen zeigst und mit dem dann gejammt und woraus vielleicht ein Lied wird. Wir sind drei Leute, die die Stücke für die Band schreiben, so ist das immer etwas anders.

Albumcheck: Und was kommt zuerst? Text oder Musik?

Josh: Meist beginnt es mit einem Gitarrenriff, fast immer. Und dann wird das ganze geformt, strukturiert, ausgebaut, die Texte kommen meist am Ende, die müssen sich dem ganzen anpassen.

Albumcheck: Und was war die Idee hinter „Short Songs“? Die sind ja nun wirklich short!

Josh: Sind sie wirklich, haha. Wir haben nicht gelogen, als wir die Platte so genannt hatten! Das war im Grunde so: wir hatten maleine Sieben-Zoll-Platte gemacht für einen Record Store Day vor ein paar Jahren. Auf einer Seite waren ein paar Stücke von „Rescue“, auf der anderen der Platte wollten wir ein paar Coverversionen haben, und auf eine Sieben-Zoll-Platte passt nicht sehr viel drauf. So mussten wir die eben sehr kurz halten. So überlegten und quatschten und dann sammelten wir Songs von Bands, die wir hörten, bevor WIR eine Band waren und die sehr kurze Stücke hatten. Es war eigentlich ein Spaßprojekt für uns selbst, aber unser Label mochte die Idee sehr, und auch die Leute nahmen das sehr positiv auf. Es war einfach etwas verrückt!

Albumcheck: Das Ende der Stücke ist jeweils ein wenig sehr, äh…

Josh: Abrupt? (lacht)

Albumcheck: Ja, genau. Als ich da so saß und das Album „Short Songs“ zum ersten Mal hörte, dachte ich: Wow, DAS war kurz! Wie abgeschnitten!

Josh: Die Leute meinen das auch und fragten, habt Ihr niemals daran gedacht, die etwas zu verlängern. Aber die Leute reden darüber! Ich bin zufrieden damit,was dabei herausgekommen ist. Die meisten Songs stehen auch für sich alleine sehr gut da, auch wenn sie sehr, sehr kurz sind. Ich denke, je mehr man die Platte hört, desto mehr macht das ganze Sinn. Zuerst ist es natürlich etwas abrupt, gewiss.

Albumcheck: Ich hatte den Eindruck, die Stücke unterscheiden sich sehr von denen auf Euren früheren Alben. Schneller, härter, lauter.

Josh: Ja. Ich meine, wenn Du „Short Songs“ machst, passt dieser Stil einfach besser als eine Ballade oder überhaupt ein langsameres Stück. Es macht mehr Sinn.

Albumcheck: Auf dem Album sind elf eigene und elf gecoverte Lieder drauf. Hat das irgendeine Bedeutung?

Josh: Im Grunde waren alle Bands, die wir da gecovert haben, eine Art Schnappschuss von Bands, die uns beeinflusst haben, ehe wir eine Band hatten, die uns dazu gebracht haben, selbst zu spielen und diese Band zu gründen. Ich glaube, wenn Du diese Musik hörst, dann weißt Du, was uns in dieses Subgenre gebracht hat, eine winzige Idee davon. Das war die Musik, die eben da war, ehe wir Silverstein starteten. Eine Hommage an unsere Wurzeln!

Albumcheck: Aber nicht sowas wie Sore Throat mit 99 Titeln auf einer Langspielplattenseite?

Josh: (lacht)

Albumcheck: Kein Sinn in der Nummer Elf, wie 21, 22, 23…

Josh: (grinst) Wir hatten ein paar Originale, Songwriting macht viel Spaß, wir haben geschrieben, geschrieben, und irgendwie kamen elf dabei heraus, und elf und elf, das passte einfach.

Albumcheck: Was ist denn das wichtigste für Dich an der Musik? Botschaft oder Spaß?

Josh: Hm. Für mich gesprochen ist der Spaß (lacht), ich habe gerne Spaß! Das ist der größte Antrieb für mich, ich mag es einfach. So eine große Botschaft haben wir auch gar nicht. Botschaften sind da zwar schon drin, aber wir lassen das für Interpretationen offen. Die Leute kommen auch vorwiegend zu den Konzerten, um Spaß zu haben. Es geht hauptsächlich um den Spaß!

Albumcheck: Ich habe gefragt, weil ich gehört hatte, dass sich Paul Koehler für einige Projekte einsetzt. Was habt Ihr denn als nächstes vor? Tour fertigmachen, Urlaub, neues Album? „Long Songs“?

Josh: (lacht) „Long Songs“ wären eine Möglichkeit!

Albumcheck: Zehn Minuten!

Josh: Zehn Minuten mindestens! Verteilt auf ganz viele CDs! Würde Spaß machen! Wir hatten die Idee sogar schon im Kopf und haben drüber gesprochen. Meistens als Scherz, als wir mit „Short Songs“ starteten, aber Du weißt nie, niemals, was passieren wird. Nach unserem Monat Urlaub jammen wir wieder und legen los mit der Arbeit an einem neuen Album. Und wieder Tournee und Musik…

Albumcheck: Wenn Du dann Urlaub hast, dann arbeitest Du nicht, Du packst keine Gitarre an?

Josh: Nun, einen Job suche ich mir nicht. Aber Gitarre spielen werde ich schon und Stücke schreiben, das passiert immer. Die Arbeit am neuen Album fängt da schon an.

Albumcheck: Und dann wieder auf die Straße?

Josh: Wieder auf die Straße!

Albumcheck: Nun, ich bin soweit fertig, nun noch die gewöhnlichste, üblichste und langweiligste Frage, um ein Interview zu beenden: Hast Du eine Botschaft für Eure Fans, die Leser von Albumcheck.de, die Welt?

Josh: Ja? Was soll ich sagen… Hört Euch „Short Songs“ an, wir hatten viel Spaß damit. Es ist hörenswert, auch wenn’s vielleicht etwas abrupt ist, aber gebt der Platte eine Chance. Und wartet auf unsere neue Platte, die kommt sicher bald!

Albumcheck.de dankt Josh Bradford für das nette Gespräch, Patricia von Gordeon Music für die Vermittlung, Praktikant Till Feiler fürs Fotografieren und Oliver Feiler fürs Chauffieren! Außerdem dem Roadmanager Kevin Puig, der friedlich blieb, obgleich ich ihn beim Essen störte.

Ulf
Ulf
Geboren. Größer, aber nicht wirklich groß und älter, aber nicht erwachsener geworden. Klassische Gitarre gelernt. In Bands gespielt wie "Scheißhausterror". Metalhead. Spezialist für Musik der englischen Renaissance und älter.

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