Interviewcheck | Karl und Justin von „Crippled Black Phoenix“, Bristol, UK

Crippled Black Phoenix live in Münster 2012

(c) Ulf Hundeiker

Münster, 22. März 2012. Mittlerweile ist es wegen diverser Kämpfe mit der Technik 20:15 geworden, und gleich soll eigentlich das Konzert von Crippled Black Phoenix beginnen. Immerhin konnte ich schon mit einem Kaffee vorglühen, nachdem mich ein sehr freundlicher und sehr langer Mensch schonmal ins Innere der Location geschleift hatte.

Es war Christian Heilmann (dessen Name täuschenderweise sehr deutsch klingt- ist er aber gar nicht :-D), der den Viersaiter würgt. Ein guter Start! Die Zeit wird reichen. Und bald sitze ich am Tisch mit  Justin Greaves und Karl Demata.

Karl Demata von Crippled Black Phoenix während des Interviews.

Karl Demata

Karl (blickt auf meine kleinen Zettel): Ah, das sind Deine Fragen? Die sind so schön zurechtgeschnippelt, Du solltest sie nachher in ein Körbchen tun und als Lose verteilen! (lacht)

Albumcheck: Ich kenne nicht gerade viele Leute, die Crippled Black Phoenix kennen, dabei ist Euer Sound wirklich einzigartig und die Reviews enthusiastisch. Warum seid Ihr nicht bekannter?

Karl: Ich vermute, weil wir nicht sehr gut aussehen!

Albumcheck: Sieht Lemmy von Motörhead etwa gut aus?!?

Justin: Lemmy zählt nicht!
Karl: Meat Loaf vielleicht! (Gelächter)

Albumcheck: Ist das vielleicht eine Frage der Qualität, also,  dass sich Qualität und Erfolg in der Musik einander ausschließen?

Justin: Das hat möglicherweise damit zu tun, dass wir nie den Mainstream mitgemacht haben. Wir haben nie versucht, uns zu verkaufen oder zu pushen. In unseren Augen ist der beste Weg der, den die Bands früher entwickelt hatten, als die Rockbands wirklich originell waren, experimentierten und sich Zeit nahmen für die Entwicklung. Es gab eine Menge Gruppen, die fünf, sechs Alben brauchten, bis sie populär wurden. Weil sie sich mehr Zeit dafür nahmen, gingen sie auch ein höheres Risiko ein.

Justin Greaves von Crippled Black Phoenix während des Interviews.

Justin Greaves

Karl: Möglicherweise hat das auch damit zu tun, weil wir so wenig veröffentlichen. Die Leute tendieren dazu, immer mehr und mehr zu wollen und immer neue CDs und Du musst mehr und mehr veröffentlichen und dann klingt das eben nach diesem oder jenem
und eins wie das andere und die Leute wissen auch nicht mehr, was das ist. Das ist nicht mein Ziel, das hat dann nichts mehr mit Prog zu tun, das hat nichts mehr mit Rock zu tun! Das kannst Du zum Fenster rauswerfen!

Albumcheck: Ihr seid zu komplex.
Justin: Ja!
Karl: Vielleicht.

Albumcheck: In früheren Interviews hab Ihr erwähnt, Eure Musik sei schwierig live spielbar zu machen. Habt Ihr nie daran gedacht, einfacher zu komponieren oder zu arrangieren?

Justin: Die Musik bestimmt das alles, weißt Du. Wir würden niemals eine leichtere Spielbarkeit erzwingen wollen . Die Musik spricht zuerst. Wir sehen uns eher als Bewahrer der Musik, wir kontrollieren sie nicht, sowas. Im Grunde, wenn wir live spielen versuchen wir das irgendwie anzupassen, und wir nehmen Songs, die dafür geeignet sind. Andere Songs funktionieren live nicht so gut, die spielen wir dann eben nicht.

Der Eindruck, live zu spielen, und ein Album aufzunehmen sehen wir als zwei verschiedene Dinge. Die Menschen bekommen sehr verschiedene Erfahrungen, wenn sie uns live sehen oder wenn sie unsere Alben hören. Viele Leute haben gesagt, wenn sie uns nur vom Album her kennen, können sie sich nicht vorstellen, dass wir Kontakt zu der Menge haben, oder dass wir lachen und Witze machen, weil die Musik teilweise sehr ernsthaft ist, auch wenn da schwarzer Humor drin ist, sie ist ernsthaft. Auf der Bühne tauchen wir… (überlegt) Wir machen eine Show und geben den Leuten einen anständigen Gegenwert fürs Geld, weißt Du? Das sind zwei sehr verschiedene Dinge.

Albumcheck: Und wie schreibt Ihr einen Song? Zuerst die Mucke, zuerst den Text, beides zugleich?

Justin: Im Grunde kommt meist die Musik zuerst, die Basis des Songs. Üblicherweise haben wir einen Haufen Songs und Ideen, musikalische Ideen, und dann haben wir einen weiteren Haufen an Titeln und Ideen und Themen und Geschichten, und während der Entwicklung oder manchmal im Studio scheinen die Titel dann ihre Songs und die Songs ihre Titel zu finden. Üblicherweise machen wir mehr Musik als wir gerade brauchen, wir haben genug Ideen… Wenn wir ein Album machen, konzentrieren wir uns das, was gerade zur Arbeit gehört. Ich weiß nicht, ob das so normal ist, wir setzen uns jedenfalls nicht zusammen mit dem Ziel: „So, nun schreiben wir ein Lied!“. Die kommen einfach heraus!

Karl: Und die Texte, die kommen meistens am Ende des Prozesses. Und ihr Inhalt reflektiert sozusagen das Thema des jeweiligen Stückes natürlich. Der letzte Schliff halt.

Albumcheck: Ihr habt Euren Sound aus vielen verschiedenen Genres. Wie habt Ihr es hingekriegt, euren EIGENEN Stil aus vielen verschiedenen ANDEREN zu erschaffen?

Justin: Meine einfache Antwort: Ich hab keine Ahnung!

Karl: Ich vermute, das hat einfach etwas mit der Tatsache zu tun, dass diese verschiedenen Dinge einfach Zutaten sind. Wir sind nicht mehr so jung, keine einundzwanzig oder zweiundzwanzig mehr, wir hören das Zeug schon eine ziemlich lange Zeit. Wenn Du etwas schon lange Zeit hörst, dann musst Du gar nicht mehr darüber nachdenken, ob und was sich da in der Musik niederschlägt. Es ist einfach schon ein Teil von Dir. Wenn Du etwas hörst, seit Du ein Kind warst, dann denkst Du nicht darüber nach, sagen wir mal ob etwas beispielsweise nach King Crimson anhört, weil es gerade cool ist. Wenn Du seit Deinem sechsten Lebensjahr King Crimson hörst, dann kommt einfach etwas davon in Deine Gitarre, was danach klingt. Weil es ein Teil von Dir geworden ist. Und so rührst Du all diese Dinge zusammen, und schließlich kommt vielleicht etwas heraus -ich weiß nicht, Du hast das so genannt-, was dann ein eigener Sound ist. Das ist nichts, wo Du Dich hinsetzt und sagst, wir nehmen jetzt das plus das plus dies minus jenes gleich „Dein eigener Sound“.

Das ist alles sowas, wenn schon so Du lange für Deine Musik lebst wie wir, dann kommt das einfach natürlicherweise. Da mußt Du gar nicht drauf achten, Du brauchst es nur herauskommen zu lassen. Wir stellen nur noch sicher, dass der Song in eine Form kommt, anhören, was man schon hat, es auf den Weg bringen…

Justin Greaves von Crippled Black Phoenix auf der Bühne.

Justin Greaves

Justin: Und es hat auch damit zu tun, seine Einflüsse zu respektieren, statt sie nachzuäffen zu versuchen oder wo hineinzuzwingen, weil Du meinst, das sei cool. Wenn Du Musik die Du hörst wirklich respektierst, denke ich, wenn dann etwas ein wenig danach klingt oder an diese erinnert, dann geschieht das eben aus diesem Respekt.

Albumcheck: Nun habt Ihr Euren eigenen Sound, Euren Stil und alles kreiert, seht Ihr damit irgendeine Chance, sowas wie Rock-Superstars zu werden?

Karl: Ehrlich gesagt, ich würde niemals Superstar werden wollen! Ich meine, wir nehmen alles, es wie es kommt. Wir erwarten micht sehr viel.

Justin: Die Sache ist auch, ich glaube wir haben nicht die Sorte Ego für Ruhm, weil die Musik für uns wichtiger ist als alles andere….

Albumcheck: Ihr habt auch keinen Bock, Holtelzimmer mit Kettensäge und Axt zu zerstören…

(Gelächter)

Justin: Das geht mehr über die Persönlichkeiten, und bei unserer geht es nicht um Persönlichkeiten, sondern um die Musik! Es ist in Ordnung, wenn die Leute ein bisschen was über uns wissen, aber auch nur so viel wie unbedingt nötig. Ich will nicht rausgehen und hören: „Guck mal die da drüben!“

Albumcheck: In der Tat ist es schwierig, über Euch etwas privates herauszufinden.

Karl: So soll das auch sein! Nicht, dass wir nicht schonmal daran gedacht hätten, aber wir sind alle sehr darauf bedacht, zu versuchen, unsere Leben, unsere Privatleben davor zu bewahren, von den Medien observiert zu werden. Nicht, dass eine richtige Sorge für uns wäre, aber ich persönlich möchte die nicht neben meinem Bett campieren lassen. Wir würden uns nicht mehr wohl fühlen, hätten wir kein Privatleben mehr.

Karl Demata von Crippled Black Phoenix auf der Bühne

Karl Demata

Albumcheck: Das ist Euer dritter Gig in Deutschland diesmal. War der Start befriedigend?

Justin: Ja, natürlich! Ich meine, es war schon immer großartig, einer der besten Teile der Tourneen seit ungefähr zwanzig Jahren. Wir waren hier schon ein paar Mal mit dieser Band, und ich finde,jedesmal, wenn wir zurückkommen, wird es noch besser und besser.

Jedes Land ist anders, finde ich, und wir werden überall auf verschiedene Weise glücklich und zufrieden gemacht.

Karl: Deutsche Fans scheinen wegen ihres Erbes, ihrer Geschichte, ihrem Geschmack mehr durchzubliecken durch das was wir machen als bei uns in England zum Beispiel. So ist das immer eine besondere Erfahrung in Deutschland, Du kannst sehen, dass die Leute VERSTEHEN, was wir da machen und warum, und alle sind sehr nett zu uns. Das sind immer tolle Erlebnisse!

Albumcheck: Und was ist Eure nächsten Ziele? Und erzählt mir jetzt nichts von „die Houses of Parliament in die Luft jagen“ oder so, wie in einem früheren Interview!

(Gewaltiges Gelächter)

Justin: Das sind so die Dinge, weshalb wir gar nicht zu berühmt werden wollen. Wir wollen unsere subversiven Pläne für uns behalten!
Karl: Wir haben Sturmhauben!

Albumcheck: Letzte, gewöhnliche, langweilige Frage: Eine Botschaft für die deutschen Fans und für unsere Leser? Kauft unsere Platten?

Karl: Hmmm…
Justin: Äh, eine Botschaft für die Leser…. (überlegt) Ulf sieht sehr nach Metal aus heute abend! Das ist die Botschaft!

(Gelächter)

Karl: Das kommt auch mal wieder in Mode!

Albumcheck: OK. Ich danke Euch herzlich, hat Spaß gemacht. And now: Let’s get ready to rumble!

Mit Justin Greaves und Karl Demata von der Band Crippled Black Phoenix sprach Redakteur Ulf Hundeiker.

Ulf
Ulf
Geboren. Größer, aber nicht wirklich groß und älter, aber nicht erwachsener geworden. Klassische Gitarre gelernt. In Bands gespielt wie "Scheißhausterror". Metalhead. Spezialist für Musik der englischen Renaissance und älter.

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