Albumcheck | Radio Music Society von Esperanza Spalding

Den Schreibtisch voller CDs, die sich ins Ultimo stapeln, zudem bestimmt hundertmal in die VÖ von „Radio Music Society“ von Esperanza Spalding erinnert, schaffe ich es doch noch, euch das Werk der jungen Sängerin und Komponistin vorzustellen. Und das sogar pünktlich zum VÖ-Datum. Bin ich nicht großartig? Dafür muss ich heute sogar extra Überstunden schieben. Schließlich habe ich heute schon 10 Arbeitsstunden hinter mir.

Aber was macht man nicht alles für seine Leser; und…..selbstverständlich für die Künstler..So ein Leben als Chefredakteur ist schon manchmal schwer. Doch ich will nicht jammern, sondern konzentriere mich lieber auf die Musik, die derzeit bei mir im Hintergrund läuft. 

Zumindest als Hintergrundmusik kann man das neue Album „Radio Music Society“ schon einmal sehr gut hören. Esperanza’s letztes Album hatte sie “Chamber Music Society” genannt. Für das fabelhafte Werk erhielt sie überraschenderweise den Grammy als bester “Newcomer des Jahres”. Diesen so wichtigen Grammy hat ein „Jazzer“ noch nie zuvor gewonnen. Mit  “Radio Music Society”  kommt nun ein ebenbürtiger Nachfolger auf den Markt. Eine Mischung aus Radio-, Kammer und feinster Jazz-Musik.  Als Co-Produzent stand der Künstlerin  sogar bei zwei Stücken kein Geringerer als Q-Tip (Gründungsmitglied und MC der weltweit erfolgreichen Hip-Hop-Formation A Tribe Called Quest) zur Seite.

Ursprünglich wollte Esperanza beide Scheiben zusammen als Doppelalbum herausbringen. Gut, dass sie zwei einzelne Werke daraus gemacht. Schon der Opener  “Radio Song” verheißt Hoffnungsvolles. Schließlich kann der Track einen ganz eigenen Flair erzeugen und seine Spielzeit von über sechs Minuten ist auch beachtlich. “Jeder weiß, wie das ist, wenn man im Auto das Radio einschaltet”, erklärt Esperanza. “und gedankenlos so lange von einem Sender zum anderen herumzappt, bis einen plötzlich ein Musikfragment innehalten lässt und vollkommen fesselt. Diesen Augenblick, in dem die Musik einfach in einen hineinsinkt, wollte ich einfangen. Es geht dabei um die Kraft eines Songs und wie er einem zumindest den Tag retten kann.”

Ihrer Aussage kann ich voll und ganz zustimmen. Entgegen den Gewohnheiten vieler „Jazzer“ verhält es sich „Radio Music Society“ etwas anders als gewohnt. Die Bassistin greift lieber auf ihr eigenes Material zurück, als sich dem alten zu widmen. Dabei schafft sie selbst wundervolle Klassiker. Bei ihren Kompositionen konzentrierte sie sich jedoch, den Glanz alter Radio-Klassiker nicht vermissen zu lassen. In ihren Songs geht es um Liebe in sämtlichen Tonlagen, wie kann es auch anders sein. Ich glaube, nur so konnte dieses wundervolle und filigrane Werk entstehen. Allerdings schafft es Esperanza eine Brücke zu ebenso interessanten Themen zu bauen. Zusätzlich gibt  dann doch noch zwei Cover-Songs, bei deren Interpretation die junge Protagonistin einen guten Tipp ihres Mentors Joe Lovano beherzigte: “Wenn du einen Klassiker spielst”, so hatte ihr der große Tenorsaxophonist einst geraten, “dann musst du einen persönlichen Grund dafür finden, dies zu tun.” Während Stevie Wonders “I Can’t Help It” für dieses Album mit “Radiomusik” eine geradezu natürliche Wahl scheint, überrascht Spalding mit der Neuinterpretation von Wayne Shorters “Endangered Species”, für die sie eigens einen Text schrieb.

Eingespielt hat Spalding die zwölf Songs mit Musikern aus ihrem immer größer werdenden musikalischen Universum. Neben langjährigen Partnern wie Joe Lovano, Keyboarder Leo Genovese und Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington kommen hier auch die beiden Jazzschlagzeug-Legenden Jack DeJohnette und Billy Hart sowie die Gitarristen Jef Lee Johnson und Lionel Loueke zum Zuge. Gesangsparts übernehmen neben Esperanza Spalding noch Algebra Blessett, Lalah Hathaway, Gretchen Parlato, Leni Stern und Becca Stevens.

Herausgekommen ist dabei ein schönes Radio-Werk, was noch einmal Lust auf mehr.

 

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