Interviewcheck | Im Gespräch mit Jini von Luxuslärm Teil III

Hier nun der dritte und letzte Teil von dem Interview mit Jini von Luxuslärm.

Albumcheck: Nun sagtest Du vorhin selbst, dass es anfangs einige Leute gab, die gesagt haben, eure Musik gibt es schon und man vergleicht euch mit Bands wie Silbermond. Wie geht ihr damit um?

Jini: Beim ersten Album waren wir unwahrscheinlich stolz mit einer solchen Band verglichen zu werden, da sie zu der obersten Riege der deutschen Musikszene gehören. Wir haben uns gefreut. Mittlerweile möchten wir als eigene Band wahrgenommen werden. Da fragt man sich wirklich, ob die Leute den Unterschied nicht hören. Schließlich möchten wir als Band einzigartig sein. Ich vergleiche das immer mit Amerika. Da gibt es zig Bands die ähnlich klingen wie Nickelback, aber dennoch gibt man jeder Band eine Chance. In Deutschland ist dies leider nicht so. Oft wird gesagt: „Frontfrau, deutscher Gesang. Da haben wir die passende Schublade“.

Live ist das natürlich auch noch mal was ganz anderes. Wir unterscheiden uns alle live, sowohl Silbermond, Juli oder auch Wir sind Helden. Sie haben alle ihren eigenen Stil, finde ich. Ich fand das damals ganz furchtbar, als man Silbermond mit Juli verglichen hat. Du kannst diese Bands nicht miteinander vergleichen. Vergleiche sind für Musiker ist das schon krass. Wir haben es so gelöst, indem wir meinten, dass man uns ruhig vergleichen kann. Doch gleichzeitig haben wir die Leute aufgefordert zu unserer Live-Show zu kommen und uns danach wieder anzusprechen. Du weist anfangs in eine Schublade gesteckt, wo du das Gefühl hast, du musst dich da rauskämpfen. Wir haben uns lieber den Arsch abgespielt, die Leute sollen uns so kennenlernen wie wir sind. Wir sind eine Live-Band und es ist egal, ob nur 10 Leute vor der Bühne stehen oder mehr. Wir erspielen uns unseren Namen.

Albumcheck: Ich glaube die Deutschen lieben das Schubladendenken. Mir ist aufgefallen, Du hottest ja auf der Bühne immer so richtig ab.

Jini: Ich bin privat eigentlich total ruhig. Ich bin eher schüchtern und halte mich aus vielen Dingen raus. Aber auf der Bühne bricht alles, was dich so in der Woche angekotzt oder was dir Spaß gemacht hat, aus dir raus. Und das liebe ich.

Albumcheck: Ist das dann so eine Art Ablassventil für Dich? Denkst Du Dir: „Am Dienstag war mein Geschirrspüler kaputt und das hat mich jetzt so geärgert. Jetzt kann ich alles raus lassen.“ ?

Jini: Ich habe in den letzten Jahren gelernt sich über solche Kleinigkeiten mehr aufzuregen. Mir ist das schwer gefallen, da der deutsche Mensch ein Mensch ist, der sich gern aufregt. Über solche Sachen wie Strafzettel oder eine kaputte Waschmaschine rege ich mich nicht mehr auf. Das tangiert mich peripher. Die zwischenmenschlichen Geschichten sind mir im Gegenzug in den letzten Jahren viel wichtiger geworden. Wir sind viel unterwegs und ich vermisse es jedes Mal, wenn ich meine Mama nicht sehen kann. Es hat sich mittlerweile alles anders gewichtet.

Albumcheck: Das kann ich verstehen. Sag mal, ihr wart dieses Jahr für den Echo nominiert.

Jini: Ja, wir haben ihn aber leider nicht bekommen.

Pressefoto © Credit S.Niehoff

Albumcheck: Wart ihr enttäuscht, dass ihr den Preis nicht mit nach Hause nehmen konntet?

Jini: Nein. Wir haben uns gefreut, dass wir nominiert waren. Als wir das erfahren haben, habe ich geschrien. Wir sind uns um den Hals gefallen und haben richtig Party gemacht. Da der Echo ein Preis ist, der nach Verkaufszahlen geht, war uns klar, dass wir keine Chance haben. Die Einladung, dass wir auch als Indie-Band wahrgenommen werden, hat uns tierisch gefreut. Auch wenn wir den Preis nicht gewonnen haben. Wir haben den Preis der Lena gegönnt. Vielleicht haben wir nächstes Jahr noch einmal das Glück nominiert zu sein.

Albumcheck: Dann seid ihr allerdings keine Newcomer mehr. Und mit eurem neuen Album dürftet ihr ein aussichtsreicher Kandidat für eine Nominierung werden.

Jini: Ja, das stimmt. Aber die ganzen Preise sind für uns nur Nebensache. Es tritt in den Schatten, wenn du live spielen kannst. Wenn ich die Wahl hätte, auf Festivitäten bei Preisverleihungen zu gehen oder vor hundert oder tausend Leuten live zu spielen, würde ich das letztere wählen.

Albumcheck: Gibt es eigentlich Künstler mit denen ihr oder auch du mal zusammen spielen wollt?

Jini: Wenn ich privat als Sängerin träumen dürfte und ich dürfte mir jeden aussuchen, den ich wollte, dann würde ich mir Pink aussuchen. Pink ist für mich die Rockröhre. Ich finde sie mega. Ich war auch auf Konzerten von ihr und habe es sehr genossen. Ixch habe es aufgesogen, was sie da gemacht hat. Und wenn es im deutschen Bereich wäre, finde ich Xavier Naidoo von der Stimme her unheimlich interessant. Wobei wir da nochmal sprechen müssten, wir müssten dann schon einen etwas fröhlicheren Text schreiben.

Albumcheck: Ja, manchmal sind seine Texte schon ein wenig traurig.

Jini: Finde ich auch. Ich würde mit ihm über die schönen Dinge des Lebens singen.

Albumcheck: Ihr habt schon so viele Konzerte gegeben. Habt ihr da eigentlich überhaupt noch Lampenfieber?

Jini: Ich glaube, wenn man die Nervosität oder das Lampenfieber komplett ablegen würde, dann wäre es nur noch Alltag. Es wäre so, als wenn du einen Nine To Five Job machen würdest. Dann ist es allerdings nicht mehr aufregend. Ich habe immer noch ein gewisses Kribbeln, ich mache mir Gedanken, ob nun wirklich alles gut geht. Manchmal mache ich mir sogar zu viele oder überflüssige Gedanken. Ich frage mich, ob denn wirklich jeder vom Publikum die Bühne sieht, ob der Sound in Ordnung ist, ob alles mit der Technik klappt oder auch wo die Rollstuhlfahrer stehen. Werden die Zuschauer von den Scheinwerfern geblendet usw. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber dies sind Dinge, die mir aufgefallen sind und mich gestört haben, wo ich noch im Publikum stand. Ich möchte ein Rund-Um-Wohlfühlpaket den Leuten irgendwie bieten. Auch wenn man das nicht immer schafft und man es nicht jedem rechtmachen kann. Allerdings sind solche Gedanken bei mir vor einem Konzert schon ein wenig extrem.

Wir stellen uns alle zusammen in einen Kreis bevor es auf die Bühne geht, es wird ein böses Schimpfwort gerufen, der so genannte Schlachtruf, und danach geht es los und rauf auf die Bühne. Auf der Bühne blendet sich das vorherige alles aus.

Vor dem Konzert hörst du die Leute labern, so dass du davon ausgehst, dass bestimmt ein paar Leute da sind. Du kommst auf die Bühne und auf einmal ist der ganze Platz oder Saal voll und du kannst richtig abgehen. Das ist schon was ganz besonderes, was ich nicht missen möchte. Ich glaube, wenn du immer ganz cool aus die Bühne gehst verlierst du irgendwann den Respekt davor. Den möchte ich mir so lange wie es geht bewahren.

Albumcheck: Was war Dein schlechtestes Konzert?

Jini: Schlechtestes Konzert? Ähm, einmal habe ich die Bühne etwas überschätzt. Ich bin halt so gesprungen, wie ich das halt immer so mache. Ich habe einen riesen Satz nach hinten gemacht, weil ich dachte da ist noch genügend Platz. Dabei bin ich voll in Jans Schlagzeug reingefallen, der nicht weiterspielen konnte. Das halbe Schlagzeug ist zusammen gebrochen. Aber irgendwie war es auch lustig, du hast soviel Adrenalin im Körper, du hast so viel über dich selber gelacht, dass sich die Leute auch totgelacht haben. Wir haben dann den Song unterbrochen und wenig später weitergespielt.

Ein Gig, da war ein richtig geiler Schuppen. Da passen wohl 800 Leute rein. Vor uns haben zwei Punkbands und eine Coverband gespielt. Wir kamen sozusagen als Headliner. Wir sollten 1,5 Stunden spielen. Wir hatten aufgebaut und sind auf die Bühne. Dort unten standen dann 10 Heavy-Metal-Fans mit verschränkten Armen und haben auf die Dinge gewartet, die denn da kommen. Ich habe mich gar nicht getraut eine Ansage zu machen, weil ich mir dachte: „Alles was du jetzt sagst, da kriegst du eh die Fresse poliert. „ Wir haben dann einfach angefangen, da kamen dann Songs wie „Tausend Kilometer“, was ja mehr in den Pop Bereich geht. Die standen nach einer Stunde immer noch mit verschränkten Armen und es gab auch keinen Applaus. Wir haben den Gig knallhart durchgezogen. Wir haben bis zum Ende gespielt. Bis ich gesagt habe: „Ja, danke fürs Zuhören. Euch och einen schönen Abend. Wir waren Luxuslärm.“ Und dann haben die 10, 20 Männekes richtig applaudiert und „Zugabe“ gerufen. Ich bin danach nochmal auf die Bühne und habe die gefragt, ob das wirklich deren Ernst ist. Normalerweise würde ich so nie mit dem Publikum reden. Ich freue mich immer, wenn die Zuhörer „Zugabe“ rufen. Wir haben danach noch eine ganz harte Nummer gespielt, es wurde dann auch mit dem Kopf genickt. Das war für uns als Band natürlich schon eine Herausforderung. Das war heftig, aber auch eine gute Prüfung als Band. Im Endeffekt macht dich das nur stärker.

Albumcheck: Welche Erinnerungen hast Du von deinem / eurem bestem Konzert?

Jini: Oh, da gab es wirklich sehr viele. Das bisher größte Konzert war auf Schalke, wo wir Vorband von PUR waren. Wir durften vor 55.000 Leuten auftreten, die uns alle sehr lieb empfangen haben und uns super aufgenommen haben. Da ist uns echt die Muffe gegangen, da du dich Wochen vorher verrückt machst. Das Konzert geht um wie ein Fingerschnipp. Naja, wir haben ganz viel Lob für den Gig bekommen.

Welches Konzert mir allerdings schon sehr lange in Erinnerung ist, wo ich das erste mal gesagt habe: „Sollen wir hier wirklich spielen?“. Es war eine ziemlich kleine Bühne, es hat geregnet wie sonst was. Der Gig war auf einem kleinem Hafenfest und es war wirklich niemand da, außer einem einsamen Clown der auf der Bühne jongliert hat. Davor standen lediglich zwei Kinder mit ihren Eltern. Das tat mir so leid. Außerdem war der Platz riesig groß, da hätten bestimmt 10.000 Leute drauf gepasst. Da waren Crêpe- und Glühweinbuden aufgebaut. Wir haben uns echt gefragt, ob noch jemand kommt, weil es so geregnet hat. Aber wir wollten auch für die zwei Kids spielen, also haben wir uns Backstage fertig gemacht. Sind dann zur Bühne gegangen. Auf einmal standen dort 300 Fans, die richtig abgefeiert haben. Die komplette Band stand im Regen, die Fans standen im Regen, uns war allen total kalt, aber das war uns nachher völlig egal. Wir waren mit unseren Fans auf Augenhöhe und das war ein tolles Gefühl. Wir waren zusammen im Regen. Das Konzert war ganz intim. Es gibt auch noch Fotos, da sehe ich zwar aus wie scheiße, aber in dem Moment war das egal.

Es war bestimmt nicht das beste Konzert, doch vom Gefühl her, war es etwas ganz besonderes für mich. Da haben wir bemerkt, dass wir von unseren Fans nicht im Regen stehengelassen wurden.

 Albumcheck: Vielen lieben Dank für das Interview! 

Und hier haben wir das Video „Atemlos“ von Luxuslärm für euch:

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