Norwegens Blues-Superheld Bjorn Barge präsentiert sein neues Album

Bjørn Berge ist der hardrockigste aller Blueser. Und schafft das auch noch akustisch. Und am liebsten allein auf der Bühne. Dennoch birst Mr. Berge vor Energie und Spielfeuer. Und zwischendurch covert er Motörhead, wenn er gerade Lust drauf hat. „Blackwood“ zeigt den Norweger mit zwei Ausnahmen wieder als alleinigen Komponisten und ein Stück back to the roots. Freut Euch auf einen Individualisten: originell, mit immensem Enthusiasmus, irgendwie anders und einem deshalb / dennoch umgehend ans Herz wachsend.

Kein Zweifel, Bjørn Berge ist ein Virtuose, wie es nur wenige gibt. Wer ihn bei den Guitar Nights in Patrimonio, beim Notodden Bluesfest und jüngst in Kanada live erlebt hat, kann die Meisterschaft des Bluesers an der 12-saitigen Gitarre und seine verblüffend wendigen Slides bezeugen. Bjørn Berge, eine Mischung aus Dampflok in voller Fahrt und Vierer-Formation, rollt, rockt, stapft mit einzigartiger Energie durch seine Konzerte, die vielleicht nur in den heiligen Kirchen des Deep South und den Juke Joints auf den Mississippi-Hügeln ihresgleichen findet.

Bekanntlich geht es bei Gospel und Blues nicht um Virtuosität, denn nähren sich aus der persönlichen Erfahrung, was auch die gegenwärtigen afro-amerikanischen Musiktrends belegen. Der Hauptunterschied zwischen Blues und beispielsweise Soul liegt in der Narration: Wenn die Künstler der Soul-Schule ihr Weltverständnis durch das kollektive „Wir“ ausdrücken – man denke an „We’re Gonna Make It“ von Little Milton, „We People Who Are Darker Than Blue“ von Curtis Mayfield, das weltberühmte „Yes We Can“ von Allen Toussaint, „The Way We Were“ von Gladys Knight, ja sogar Michael Jacksons und Lionel Richies „We Are the World“ –, dann erzählen die Blueser und Blueserinnen von den Wechselfällen des Lebens aus ganz persönlicher Sicht.

„Ich bin der Blues, und der Blues bin ich“, wie Willie Dixon einmal sagte. Das bezeichnet genau Bjørns innige Verwandtschaft mit dem Blues, denn seine Musik spiegelt ein persönliches Lebensgefühl wider. Ungeachtet seiner Virtuosität. Ungeachtet seiner skandinavischen Herkunft, weit weg von den Tabakfeldern Nord-Carolinas und den Worksongs Albamas.

Es ist sicher kein Zufall, dass Bjørn Berge 1968 an der Westküste Norwegens geboren wurde, zu einer Zeit, als sich mit einem Mal alle Welt existenzielle Fragen stellte, als sich Menschen unterschiedlichster Herkunft plötzlich der Universalität der menschlichen Erfahrung bewusst wurden.

Als Bjørn Beginn der 1980er-Jahre zum Teenager heranwuchs, hatte die amerikanische Folkmusik bereits Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die Niederlande erobert und fand gerade ihren Weg nach Nordeuropa. Der Hohe Norden begegnet dem Alten Süden. Hier tut sich ein überraschender Widerspruch auf, denn Bjørn begeisterte sich anfangs nicht etwa für den Blues, sondern für die Bluegrass-Musik der Appalachen, vertreten durch Künstler wie Scruggs & Flatt, Bill Monroe und die Stanley Brothers. Ihn faszinierte der Fingerpicking-Stil der wahren Hexenmeister des 5-saitigen Banjos. Mit 15 Jahren gründete Bjørn dann seine erste Band, das Norwegian Bluegrass Kommando.

Das erklärt zwar Bjørns virtuosen Umgang mit dem Instrument, aber seine musikalischen Gelüste gehen weit darüber hinaus. Seine Erforschung der afrikanischen Wurzeln des Banjos führte ihn schließlich zum Blues. „Der Übergang war gleitend“, sagt Bjørn. „Dank einem Nachbarn entdeckte ich als Teenager in den 80er-Jahren verschiedene Arten des Folk und Root. Bob Dylon und so weiter. Und natürlich Robert Johnson.“

In diesem Jahr, in dem mit großem Pomp Johnsons 100. Geburtstag gefeiert wird, erinnern die Medien ständig an den enormen Einfluss, den der Barde vom Mississippi auf die Popmusik des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat. Aber ganz im Gegensatz zu den meisten Bewunderern von Johnson, die sich an die Legende um seinen faustischen Pakt halten, hat Bjørn von Anfang an die unglaubliche Modernität dieses Bluesman erfasst.

Fesselten die Pioniere des Delta Blues wie Charley Patton und Tommy Johnson die Zuhörer durch ihr vehementes Gitarrenspiel, so bezauberte Robert Johnson seine Zuhörer durch subtile Melodien und luftige Slides, während er mit dem Daumen der rechten Hand den Rhythmus der Begleitband spielte. Und wenn man genau hinhört, entdeckt man, dass sich Bjørn an dieses Rezept hält: „Als ich Robert Johnsons Musik entdeckte, war ich begeistert von den musikalischen Geschichten, die er mit seiner Slide erzählt, und seitdem bin ich ein eingeschworener Slideplayer. Sie erinnern sich sicher an die Geschichte mit Keith Richards, der fragte, wer denn der zweite Gitarrist sei, nachdem er zum ersten Mal eine Aufnahme von Johnson gehört hatte. Es gab aber keinen zweiten Gitarristen, Johnson machte alles selbst. Das überzeugte mich sofort, und seitdem versuche ich, mir Johnsons musikalische Sicht zu eigen zu machen.“

Aber auch das übernahm er vom Delta-Barden: die grenzenlose Neugier, die Bjørn dazu veranlasst, das Standardschema des 12-taktigen Blues zu sprengen und sein Repertoire um Balladen und Pop-Kompositionen zu erweitern. Nichts anderes tut er, wenn er Titel von Mötorhead oder den Red Hot Chili Peppers aufgreift und zugleich „bluesifiziert“: „Titel von anderen interpretiere ich gern auf meine Weise. Ich versuche immer musikalisch offen zu sein. Selbstverständlich gibt es stilistische Abgrenzungen, aber sie sollten einen nie davon abhalten, sich als Künstler weiterzuentwickeln. Ich sagte ja, ich war zuerst ein Fan von Bluegrass, aber als ich hörte, was Béla Fleck mit seiner Gruppe New Grass Revival machte, wurde mir klar, dass es nichts bringt, auf der Stelle zu treten. Musikalische Abgrenzungen sind oft sehr künstlich. Alle Musikstile hängen miteinander zusammen, alle sind in irgendeiner Weise voneinander beeinflusst. Ob es sich um Rock, Jazz, Blues, Folk oder Funk handelt, das ist mir egal. Hauptsache, ich bin fähig, es meiner eigenen Sprache, meinem Stil anzupassen.“

Zu behaupten, Bjørn sei nie auf der Stelle getreten, ist eine Untertreibung. Zwar wurde er erst mit 30 Jahren, 1998, mit dem „Best Talent“ für sein Album „Blues Hit Me“ ausgezeichnet, aber umso mehr Lebenserfahrung konnte er sammeln, die seine musikalische Phantasie beflügeln und bereichern. Der Blues ist kein Beruf, er ist Ausdruck des Lebens selbst. Das hatte Bjørn schon an der Schwelle zum Erwachsensein begriffen: „Bevor ich Berufsmusiker wurde, arbeitete ich als Mechaniker auf den Nordsee-Bohrinseln. Ich habe zwar nie unter der sengenden Sonne der Dixie-Plantagen gearbeitet, aber ich kann ein Lied von der Kälte auf den Bohrinseln an stürmischen Tagen singen.“

Keine angenehme Erfahrung, aber sie hat Bjørn mit der Universalität menschlicher Gefühle wie Liebe, Mut, Enttäuschung über Ungerechtigkeit, Freude und Eifersucht vertraut gemacht. All das hat das Repertoire dieses atypischen Bluesman bereichert, der schließlich mit zwei Spellemannsprisen (dem norwegischen Grammy Award) für seine Alben „Stringmachine“ (2001) und „Illustrated Man“ (2002) ausgezeichnet wurde.
Seit nahezu 15 Jahren ist Bjørns Traum Wirklichkeit und er lebt ausschließlich von seiner Musik. Dank der anfänglichen Förderung durch Warner Music und der bedingungslosen Unterstützung seines Agenten Thomas Olavsen und seines Managers Erik Brenna gelang es ihm, auch jenseits der Grenzen seines Heimatlandes ein Publikum zu gewinnen: „Ich wurde von zwei Spitzen-Festivals eingeladen, den Eurosonic in Holland und den Transmusicales in Rennes, das hat mir viele Türen in Europa geöffnet, sei es in Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich oder der Schweiz. Die europäische Blues-Szene ist im Aufschwung begriffen. Allerdings werde ich viel häufiger zu Jazz-Veranstaltungen als zu Blues-Festivals eingeladen. Das versuche ich aber zu ändern.“

Das Erscheinen seiner neuen CD dürfte Bjørn diesem Ziel näherbringen. Wie schon das vorige Album ist auch „Black Wood“ ein Schmelztiegel von Stilen und Klängen. Neben der Originalkomposition „Once Again“ sind überraschende Cover-Versionen von Sleepy John Estes („Going to Brownsville“) und Joni Mitchell („Woodstock“) zu hören.

„Jedes neue Album“, so Bjørn, „ist Ausdruck meiner Lust, Stil und Spielweise zu verbessern. Ich will so viele Menschen wie möglich erreichen.“ Dem wird beim Hören dieser Stücke niemand etwas entgegenzusetzen haben. Während Bjørn Berge seine ausgedehnte Tournee vorbereitet, die das Erscheinen der CD begleitet, denkt er schon über ein neues Projekt nach: „Vielleicht ist der Moment für eine Kompilation gekommen. Wer weiß?“

Ein interessanter Gedanke. Sobald ein Musiker genügend Songs versammelt hat, sodass er die besten daraus auswählen kann, ist er mit Sicherheit zum Künstler gereift.
Sebastian Danchin

Bjørn Berge über seine Technik

„Mein Lieblingsinstrument ist die 12-saitige Gitarre. Meistens spiele ich die von Cole Clark in Australien hergestellten. Ich benutzte eine Art offene C-Stimmung, C-G-C-E-G-C. Den Bass spiele ich mit dem Daumen auf den tiefen Seiten, die Melodien mit dem Zeige- und dem Mittelfinger.“

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