Die Mathematik der Anna Depenbusch in schwarz-weiss

Selten begann ein Jahr in Pop-Deutschland so erfreulich und überraschend wie das Jahr 2011. Im Januar erschien „Die Mathematik der Anna Depenbusch“. Mit dem Album etablierte sich Anna Depenbusch fast aus dem Stand als Pop-Chansonsängerin von Format, voller Esprit, Leichtigkeit und Tiefsinn. Texte und Musik hatte sie selbst geschrieben. „Die Mathematik“ war alles andere als arithmetisches Graubrot für die grauen Zellen. Vielmehr ein hinreißender Film für die Ohren, opulent arrangiert und ungewöhnlich fantasievoll produziert. Vier Lieder wurden sogar von einem Sinfonieorchester eingespielt. Die Resonanz auf die Platte war sehr erfreulich.

Die Zeitungen schrieben, Radio- und Fernsehsender rissen sich um Interviews und Auftritte. Auch auf einer großen, vierwöchigen Deutschland-Tour im Frühjahr mit Band nahm Anna Depenbusch mit ihrer hintergründigen Fröhlichkeit das Publikum im Sturm. Nur wenn sie damals schlafen ging, blieb ein Wunsch wach: die Lieder alle noch einmal aufzunehmen. Allein. Am Klavier. Ohne Netz und doppelten Boden. Nur ihre Stimme, dazu das große, geheimnisvolle Instrument voller entdeckter und noch zu entdeckender Klänge.

Im Juli, nach wochenlangem, intensiven Piano-Training und Ausprobieren neuer Arrangements, nistete Anna Depenbusch sich für fünf Tage ins legendäre Hamburger Gaga-Studio ein, um dort ihre Tasten- und Gesangsmeditation aufzunehmen – „Die Mathematik der Anna Depenbusch in schwarz-weiss“. Natürlich ist das Wort vom schwarz-weiss zuerst ein Hinweis auf die Tasten. Aber in den Assoziationsräumen ihrer Fantasie war von Anfang an Platz für viel mehr: „Licht und Schatten, Optische Täuschungen, Kontraste, Streifen und Karos, Herbst und Winter, 20er-Jahre Stummfilm, Finger und Hände, Kaleidoskop, Geschichtenerzähler, Jules Verne, Ernst Haeckel, M. C. Escher.“ Diese Namen, Wörter und Begriffspaare notierte sich Anna in der heißen Phase vor den Aufnahmen gewissermaßen als gedankliche Sprossen, an denen die Lieder und die Klavierbegleitung sich emporranken sollten.

In schwarz-weiss hat Annas Stimme neue Freiräume gewonnen. Mit diesem Soloalbum markiert sie ihre Position im Kosmos der singenden Pop-Damen deutscher Zunge noch einmal neu. So persönlich, so intim hat man Anna noch nie gehört. Sie flüstert und pfeift („An mir ist eine kleine Ilse Werner verloren gegangen“), sie streichelt, bebt, tröstet und spottet mit ihren Tönen. Die prächtig pulsierende Disco-Pop-Nummer „Wir sind Hollywood“ erscheint hier in dem sphärischen Ungefähr, das der Text umschreibt. Die Musik kommt der Illusion jetzt viel näher. Wer bei den Konzerten im Frühjahr ihre Version von Billy Joels „She’s always a woman“ mochte, bekommt das Stück jetzt in einer zwischen Wucht und Federleichtigkeit hüpfenden Fassung mit einem tollen deutschen Text. Bei „Alles auf Null“, einem Wiederaufrichte-Lied für Menschen mit Liebeskummer, lässt Anna die Tasten ganz ruhen und beklopft stattdessen nur den Korpus des Flügels.

Und manchmal, wie in der „Haifischbarpolka“, huschen tatsächlich flackernde Bilder vom Cabaret der zwanziger Jahre vorbei. Dann scheint sich das Instrument unter ihren Fingern zu biegen zu atmen wie ein Akkordeon. Die Chansonnière probiert sich als Diseuse, als Erzählerin, als spannende Unterhalterin.
Ab und an doppelt sie eine Stimme, fügt eine zweite hinzu, aber das große Studio-Fass hält sie sorgsam verschlossen. Wie schon auf dem „bunten“ Mathematik-Album hat Anna Depenbusch auch hier wieder beim Mischen den üppigen Klavierklang beschnitten, ihn dunkel gemacht. „Ich mag diesen gedeckten Sound. Man soll ruhig die Mechanik hören und das Quietschen des Hockers, ich finde das toll.“ Sie will ja keine Pianistin sein, sie spielt nur schön Klavier. Und traut sich dann doch kleine Instrumentalnummern zu, die sich über das Album verteilen. „Fräulein im Walde“ oder „Träumerle“ heißen diese Lieder ohne Worte, reich in ihrer Harmonik. Miniaturen, die man sich auch als Filmmusik denken könnte. Changierend zwischen Dur und Moll, schwebend zwischen bitter und süß.

„Die Mathematik der Anna Depenbusch in schwarz-weiss“ ist das ebenso beeindruckende wie beschwingte Statement einer an sich und ihren Liedern gereiften Künstlerin. Im Herbst geht Anna Depenbusch mit dieser neu eroberten, kleinen, großen Form auf Tour.

© Fotocredit: Det Kempke

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