Jasmin Tabatabai & David Klein Orchester | Eine Frau

Sie ist eigenwillig, leidenschaftlich und weiß genau, was sie will: Die Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai realisiert seit jeher, was ihr persönlich wichtig ist. Jetzt sorgt die charismatische Künstlerin für eine musikalische Überraschung: Jasmin Tabatabai präsentiert sich in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Musiker und Produzenten David Klein als Jazzund Chansonsängerin und singt erstmals ein komplettes Album in deutscher Sprache.

Das Projekt ist lange gereift – es geht zurück auf die Literatur-Verfilmung „Gripsholm“ (2000), in dem Tabatabai die Sängerin und Kurt Tucholsky-Muse Billie Sunshine verkörperte. Verführerisch, sinnlich und wortgewandt – so sang sie damals in den hitzigen Nachtclub-Szenen – an der Seite von Ulrich Noethen und Heike Makatsch – die neu vertonten Texte von Tucholsky, dem Dichter, legendären Kabarett-Liedtexter und subversiven Chronisten des fiebrigen Berlins der 20er-Jahre. Für den Soundtrack war der Schweizer David Klein mitverantwortlich. Der Komponist und Jazz-Saxophonist erinnert sich: „Ich hörte sofort: Jasmin hat diese, wie wir Jazzer sagen, „relaxte“ Art zu phrasieren, die Worte und Melodien über den Taktstrichen schweben zu lassen. Seit dieser Zeit belagere ich sie, ein deutschsprachiges Album zu machen“.

Über zehn Jahre später setzen die beiden ihre Zusammenarbeit mit großer Begeisterung fort. „David hat komponiert, arrangiert und produziert. Ich kann mich allein aufs Singen konzentrieren, was für mich ein wahrer Genuss ist“, erklärt Jasmin Tabatabai. Nach fünfjähriger Auszeit von der Musik, in der sich die Deutsch-Iranerin aufs Filmen konzentrierte, zum zweiten Mal Mutter wurde und ihr autobiografisches Buch über das Aufwachsen in zwei Kulturen („Rosenjahre“) schrieb, ist Jasmin bereit für eine neue musikalische Herausforderung: „Singen ist das, was ich überhaupt am Liebsten mache, es ist Balsam für meine Seele und ich habe es in den letzten Jahren sehr vermisst“.

Ein modernes Liederalbum

Für Jasmin Tabatabai ist „Eine Frau“ ein „modernes Liederalbum“: „Ich bin eine erwachsene Frau in den 40ern, und so möchte ich auch klingen.“ Und Klein: „Wir wollten nicht mit heraushängender Zunge dem Zeitgeist hinterher hecheln, sondern ein Album ohne Verfallsdatum machen.“

Dabei toben sich Tabatabai und Klein ausgelassen in den verschiedensten Musikrichtungen aus und präsentieren eine kontrastreiche, ja fast kontroverse Songauswahl. Eigens für Tabatabai komponierte Songs wechseln sich ab mit populären und weniger bekannten Trouvaillen von Oscar Straus, Friedrich Hollaender oder Lothar Brühne, welche wir als jazzgeneigte Neudeutungen wiederentdecken. Daneben der süße Schmerz der musikalischen Poesie des legendären brasilianischen Komponisten und Gitarristen Egberto Gismonti oder das durch Romy Schneider bekannt gewordene „Chanson d` Hélène“ aus dem Claude-Sautet-Film „Les Choses De La Vie“. Doch auch die Verneigung vor Reinhard Mey, dem großen deutschen Textdichter, fehlt nicht. Sein „Herbstgewitter über Dächern“ zieht als wehmütiger Bossanova an uns vorbei. Dem französischen 90er-Jahre-Hit „Un Homme Heureux“ von William Sheller wiederum begegnen wir als Tango mitherzzerreißendem Bandoneon in einer deutschen Übersetzung mit dem Titel „Menschen die sich lieben“.

In „Ein Brautkleid“ hadert eine ewige Brautjungfer mit ihrem „Schicksal“ und in einer weiteren Eigenkomposition, einem auf kleiner Flamme köchelnden Boogaloo, gibt eine Frau ihrer Nebenbuhlerin den gut gemeinten (?) Rat „Nimm ihn dir“!

In den drei Neuinterpretationen aus den 30er-Jahren findet sich immer ein Bezug zur Gegenwart. Das Tucholsky-Gedicht „Augen in der Großstadt“ könnte der prophetische Soundtrack zur heutigen Finanzkrise sein: „Wenn du zur Arbeit gehst, am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst, mit deinen Sorgen“. Oder ist es doch das ultimative Liebesgedicht, der Abschied für immer: „Was war das? Vielleicht dein Lebensglück … vorbei, verweht, nie wieder.“ „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ entstand in einer Zeit, in der Dating-Webseiten noch in ferner Cyber-Zukunft lagen. „Kann denn Liebe Sünde sein“ kommt mit einem groovigen Ahmad-Jamal-Beat daher und das im Original schnippischfrivole „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre“ erfährt eine melancholische Lesart, denn für Jasmin ist es „etwas vom Traurigsten, nicht zu wissen, zu wem man gehört“. Im Titelsong „Eine Frau“ heißt es: „Eine Frau bleibt sich selbst immer treu. Und sie träumt, wenn sie träumt ihre Träume stets neu. Dazu braucht ne Frau keinen Mann. Der ihr auch nur das gibt, was sie selbst nehmen kann.“ Tabatabai singt das mit lustvoller Doppelbödigkeit, afrokubanisches „laissez faire“ paart sich mit inniger Ironie in einem spritzigen Rumba, dessen humorvolles Arrangement Reminiszenzen an Yma Sumac wach werden lässt.

Neue Lebensphase

Wer Tabatabai nur als energiegeladene Rock-Röhre kennt, wird überrascht sein, wie feinfühlig, stilsicher und pointiert sie hier die Stimmungen setzt. Mal zartschmelzend und lasziv erinnert sie an eine andere singende Schauspielerin, Julie London. Mal bluesig und „laid back“ an eine junge Shirley Horn. Burschikos, temperamentvoll, dann wieder behutsam und verletzlich, immer wagemutig, souverän und durchlässig. Der Sturz ins sinnesfrohe Abenteuer und der Moment untröstlicher Einsamkeit, alles liegt sehr nah beieinander. Und oft genügt nur ein leicht ironischer Unterton oder eine kleine dramatische Pause, damit das Zweideutige seinen Reiz entfaltet.

Tabatabais ganz individuelle Note setzt sich aus den verschiedensten Komponenten zusammen: „Man fragt mich oft, weshalb ich als Schauspielerin überhaupt singe. Dabei bin ich durch meine Schauspiel-Erfahrung doch geradezu prädestiniert, mich in die „Rolle“ der jeweiligen Protagonistin eines Songs einzufühlen, um ihre Geschichte zu erzählen. Die Wandlungsfähigkeit, das Gespür für Dramaturgie, das ich auch beim Schreiben meines Buches brauchte, alles fließt in die Interpretation mit ein.“

Musik und Schauspielerei haben für die 1967 in Teheran geborene Tochter eines Iraners und einer Deutschen immer zusammengehört. Nach den ungestümen Anfängen in den frühen 90er-Jahren mit der Berliner Frauen-Country-Band „Even Cowgirls Get The Blues“ kam der Durchbruch mit dem musikalischen Road-Movie „Bandits“. Danach etablierte sich Tabatabai als Rock-Frontfrau und mit ihren Solo-Projekten „Only Love“ (2002) und „I Ran“ (2007) zunehmend auch als Songwriterin. Die Wahl-Berlinerin, die nach der politisch bedingten Ausreise ihrer Eltern aus dem Iran ihre Jugend in Süddeutschland verbrachte, sieht sich mit dem Album „Eine Frau“ in einer neuen Lebensphase: „Am Chartradio habe ich komplett das Interesse verloren. Vielleicht liegt es daran, dass ich älter geworden bin, vielleicht an der Qualität der heutigen Charts.“

Uneingeschränkte künstlerische Freiheit

Für David Klein, der mit seiner CD „My Marilyn“, einer Jazz-Hommage an Marilyn Monroe, die Jazz-Charts anführte und mit dem Album „Selma“ (vertonte Gedichte der jüdischen Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger) u.a. mit Xavier Naidoo, Joy Denalane oder Ute Lemper zusammenarbeitete, ist „Eine Frau“ ein Traum- und Herzensprojekt.

Die vielschichtigen und abwechslungsreichen Arrangements wurden Jasmin Tabatabai von Klein und Arrangeur Lutz Krajenski (Roger Cicero) auf den Leib geschrieben.

So geht sie in einem Song eine heiße Liaison mit einem cool-swingenden Jazz Trio ein und riskiert einen heftigen Flirt mit einer schmetternden Big Band. Im nächsten singt sie mit sanft variiertem Vibrato, einzig begleitet von akustischer Gitarre und Akkordeon, nur um sich in einem anderen resolut gegen Congas, Timbales und allerlei „Latin Percussion“ durchzusetzen.

Als Produzent hält Klein alles in einem Schwebezustand zeitloser Eleganz und musikalischer Integrität. Einen Moment lang wähnt man sich in Jack Kerouacs’ „Speak Easys“, den rauchigen Jazzkellern der 50er-Jahre, im nächsten versinkt man in opulenten, samtig-luftigen Streicherakkorden, um sich urplötzlich in einem Tangolokal im Hafenviertel von Buenos Aires
wieder zu finden.

Mit Olaf Polziehn, Ingmar Heller (NDR Big Band) und Hans Dekker (WDR Big Band) ist eine der Top-Rhythmusgruppen Deutschlands am Start und zahlreiche Gastmusiker, wie der renommierte Filmkomponist Niki Reiser („Jenseits der Stille“, „Alles auf Zucker“) oder Star-Trompeter Matthieu Michel, steuern inspirierte Solos bei.

Produziert wurde in jeglicher Hinsicht „old school“: Unbeschränktes Budget und uneingeschränkte künstlerische Freiheit: „Um bewegende Aufnahmen zu realisieren, bedarf es einer kompromisslosen Sammlung von Mikrophonen, Vorverstärkern und Wandlern. Hier ist wirklich nur das Beste gut genug“, sagt Klein. „Wo andere virtuelle Instrumente verwenden, saßen bei uns 45 Streicher eines A-Orchesters im Studio. Wir haben sehraufwendig in den besten Studios produziert. Natürlich wurde in 96 KHz aufgenommen. Die Aufnahme sollte so satt klingen wie ein altes Jazz-Vinylalbum, doch technisch auf der Höhe der Zeit, ein audiophiles Kleinod! Und sich gleichzeitig auf’s Wesentliche konzentrieren – den Song und die Sängerin!“

Auf „Eine Frau“ begegnen wir vielen verschiedenen Frauen. In manchen erkennen wir uns wieder, andere überraschen uns mit ihren ganz persönlichen Erlebnissen. Wir erfahren von Trennungen, verpassten Chancen und unerfüllten Hoffnungen aber auch von Selbstbehauptung, überschwänglicher Lebenslust und sprühender Heiterkeit. Jasmin Tabatabai gibt ihnen allen eine Stimme und zieht dabei sämtliche Register ihres facettenreichen Timbres. Manchmal mit knisternder Erotik oder komplizenhaftem Augenzwinkern, dann wieder amüsiert beobachtend, immer jedoch mit großer Empathie und Zärtlichkeit für ihre Protagonistinnen, die unter ihrem liebevollen Blick lebendig werden.

Eine Frau ist ne Frau, bleibt ne Frau!

Fotos: Felix Broede

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